Das Mädchen mit der grünen Hose

Die Gräber am Friedhof der Insel Lampedusa sind die von Fischern, mitten unter ihnen die letzte Ruhestätte des „Unbekannten Einwanderers“, datiert mit dem 29. September 2000. Die Tore der FESTUNG EUROPA sind fest verschlossen, und tagtäglich ertrinken Menschen im Mittelmeer. 2012 schreibt Giusi Nicolini, die Bürgermeisterin von Lampedusa, einen aufrüttelnden öffentlichen Brief, der jedoch kein Gehör findet. Zu diesem Zeitpunkt befindet sich auf der Insel bereits ein riesiger Schiffsfriedhof. Als am 3. Oktober 2013 dann 366 Menschen zu einem medial günstigen Moment wenige Meter vor der kleinen Insel sterben, folgt ein Aufschrei. Der Papst, EU-Kommissionspräsident Barroso und EU-Parlamentspräsident Schulz reisen nach Lampedusa und versprechen den Menschen: „Nie wieder!“
Italien rettet mit der Operation„Mare Nostrum“ über 170.000 Menschen. Rund 4000 finden trotzdem den Tod. Nach einem Jahr endet diese Mission und täglich steigt erneut die Zahl der Opfer. Allein zwischen dem 16. und 18. April 2015 ertrinken 1700 Menschen, unter ihnen das Mädchen mit der grünen Hose.
Erst durch massiven öffentlichen Druck lassen sich EU-Kommission und EU-Regierungschefs dazu herab, geeignete Schiffe in die Region zu schicken. Die dafür eilig einberufenen Gipfeltreffen beginnen mit inszenierten Schweigeminuten. Jeder der Schweigenden wusste seit Langem, dass diese Unglücke passieren würden.
Europas Politik ruft den Kampf gegen kriminelle Schlepper aus. Alle Boote sollen versenkt werden. Als die Menschen über die deutsch-deutsche Grenze flohen, nannte man die Schlepper Fluchthelfer. Oskar Schindler oder Hugh O’Flaherty wären nach modernen europäischen Standards Schwerkriminelle.
Im offiziellen Wording der EU-Kommission vor, zu und nach dieser Katastrophe werden die Worte „Flucht“ oder „Flüchtling“ stets vermieden, stattdessen ist von „Irregulären“, „Illegalen“ und „Migranten“ die Rede. Diese Sprachregelung ist per se sowohl eine Ausgrenzung als auch eine Herabwürdigung, welche an die Formulierung „unwertes Leben“ erinnert.
Dass Flüchtlingen keine Möglichkeit gegeben wird, Europa auf sicherem und legalem Weg zu erreichen, um Asyl zu beantragen, schafft nicht nur die Existenzgrundlage der Schlepper, es stellt auch ein Auswahlverfahren dar, das als Sozialdarwinismus bezeichnet werden muss: Nur die Stärksten, Gesündesten, Schnellsten und Reichsten dürfen durchkommen. Der Glaube vor 70 Jahren von diesen Ideen befreit worden zu sein, erweist sich als Irrtum. Europa verdrängt, dass sein Fundament auf der Asche von Auschwitz gebaut worden ist. Ein tödlicher Fehler.
Vor mir liegt das Bild des kleinen Mädchens, das in einem rosa Kleid im Wasser treibt, darunter eine grüne Hose, keine Schuhe und mit dem Kopf nach unten. Aufgenommen am 18. April diesen Jahres. Der Wunsch, ihr Leben leben zu dürfen, wurde ihr verwehrt: Sie war nicht gut genug.
Fabian Eder, München, Mai 2015 für die „GUTE ZEITUNG“ des Integrationshauses in Wien

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.