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Das Paradoxon des Moments oder: Die Seele des Films

Film ist Zeit.

Film ist nichts anderes, als das Zerlegen einer Zeitspanne in eine gewisse Anzahl von Bildern, regelmäßig verteilt, genau definiert. 24 Bilder für 1 Sekunde. 24 mal 1/48 Sekunde lang Licht auf dem Film lassen, 24 mal pro Sekunde den Film um ein Bild vorwärts transportieren.

Das ist Film.

Auch wenn die technischen Parameter flexibler geworden sind, so haben Sie dem Film auch durch die Digitalisierung nicht sein Wesen genommen: Das Messen von Zeit, im Gegensatz zu einer Uhr nicht nur das Vergehen von Zeit, sondern darüber hinaus die Veränderung, die in dieser Zeit stattfindet, darzustellen, das ist die Seele des Films.

Zeit ist die Seele des Films.

Zeit ist, was den Film von allen anderen Kunstformen unterscheidet. Ein Foto beispielsweise zeigt einen definierten Augenblick, eben diesen einen Moment, eben diese eine Zeitspanne, sei sie kurz oder lang – das Foto zeigt diesen einen Moment für die Ewigkeit.

Der Film hingegen zeigt, was in dieser Zeit passiert, für die Ewigkeit.

Das ist Information. Es ist nichts anderes, als eine Mitteilung, eine sachliche Feststellung, ohne jede Wertung.

Das, was wir als Narrativ bezeichnen, entsteht zwischen den Bildern, dort, wo beim analogen Film der Kaderstrich ist. Die Erzählung findet in unserem Kopf statt, in dem Moment, in dem der Film transportiert wird, in dem Moment, in dem streng genommen gar kein Bild zu sehen ist, und doch zu sehen ist, wegen der Trägheit unseres Gehirns.

Doch ist das wirklich nur die Trägheit unseres Gehirns, ist es unserer Langsamkeit, oder ist es unsere Fähigkeit, Informationen in Geschichten umzuwandeln, zu erkennen, was aus einem Zusammenfügen von Informationen entstehen kann, was Neues werden kann?

Ist es vielleicht unsere Fähigkeit zu interpretieren, zu partizipieren, genauso, wie umgekehrt zu inszenieren?

Film ist Poesie.

Auch wenn es viele wünschen, auch wenn es viele behaupten, es gibt den auf die Information reduzierten Film nicht. Es gibt ihn nicht in Form eines Nachrichtenbeitrags, und es gibt den nicht als „Silent Cooking“.

Der Augenblick ist jener Moment, in dem ich bin. Das ist die Existenz. Dieser eine Augenblick, die Gegenwart. In diesem Augenblick beziehe ich mit meiner Kamera einen Standpunkt. Es ist jener Ort von dem aus ich in diesem Augenblick der Gegenwart die Welt betrachte. Von diesem Ort, werde ich in der Zukunft erzählen, habe ich damals die Welt betrachtet, damals, in der Vergangenheit. Dieser Standpunkt ist niemals objektiv, und er soll und darf es auch nicht sein, denn er ist in dem Moment, in dem ich den Film durch die Kamera laufen lasse, bereits Erinnerung.

Von diesem Standpunkt aus betrachtete ich die Welt über einen gewissen Zeitraum hinweg, und es war mir gestattet, diesen Zeitraum zu dehnen oder ihn zu verkürzen, ganz wie es mir beliebte.

Es war mir gestattet, diesen Zeitraum zu unterbrechen, den Standpunkt zu wechseln, und eine fortlaufende Erzählung neu entstehen zu lassen, eine neue Zeit, einen neuen Ort, einen neuen Raum.

Ein Bild definiert sich durch das, was nicht zu sehen ist, das ist das Wesen des Ausschnitts. Der Betrachter erkennt in einem Bild aber auch all das, was in diesem Ausschnitt nicht zu sehen ist. Das ist Poesie.

Bilder, die keinen poetischen Anspruch haben, haben keine Existenzberechtigung. Sie taugen nicht. Ein Bild von höchster Poesie aber ist jenes, das in der Lage ist, sich auf die reine Information zu reduzieren.

Goates

Europa: AUFBRUCH ODER ABBRUCH

Dies ist das Anfangsstatement, welches ich anläßlich der Europa Matinee im Haus der Europäischen Union am 9. Mai 2016 bei der Diskussion mit Kommissar Johannes Hahn, Sonja Puntscher-Riekmann, Universität Salzburg, Hannes Swoboda, ehemaliges Mitglied des Europäischen Parlaments und Präsident der Progressiven Allianz der Sozialdemokraten, und NAbg. Rainer Hable, Europasprecher der NEOS, abgegeben habe

Ein Abbruch der Europäischen Union wäre ein Schritt zurück ins Mittelalter. Aber niemand, auch die EU nicht, ist vor den großen gesellschaftlichen Umbrüchen geschützt. In den nächsten Jahren wird kein Stein auf dem anderen bleiben – in der Arbeitswelt, gesellschaftlich, in der Wirtschaft, am Finanzmarkt, der Kunst – wir stehen bereits mitten im Sturm atemberaubender Veränderungen.

Ich bin ein glühender Europäer und überzeugt, dass nur die Europäische Union den bevorstehenden Prozess für uns so gestalten kann, dass er – zumindest weitgehend – in Frieden abläuft.

Was Europa dringend braucht, sind Politiker, die visionäres Denken nicht nur selbst denken können, sondern dieses auch fördern und fordern. Die Frage ist nicht, wie sieht unsere Gesellschaft in fünf oder zehn Jahren aus? Die Frage lautet, wie wollen wir, dass unsere Gesellschaft in 5 oder 10 Jahren aussieht?

Heute ernten wir die Früchte der Visionslosigkeit.

Das Chaos um die Flüchtlingskrise hat sich lange, langsam und absehbar entwickelt. Und auch wenn es im Moment aus den Schlagzeilen verdrängt wurde, es ist da, die Toten sind da, und sie sind weiterhin da.

Und dort beginnt meine Kritik als glühender Europäer, weil dort meine Verantwortung beginnt.

Was wir erlebt haben, erleben, ist die Entwicklung von rund zwei Jahrzehnten falsch laufender Politik. Niemand hat das bisher korrigiert, es gab immer »more of the same« anstatt eines »change of course«

Um es kurz zu machen und mit allem gebührenden Respekt:

Kommissionspräsident Juncker und vor allem Kommissar Avramopoulos haben dieses Problem sträflich verschlafen – und das muss man deutlich ansprechen und kritisieren.

In Junckers Statements zu seinem Amtsantritt im November 2014 kommt das Wort »Flüchtling« kein einziges Mal vor. Zu einem Zeitpunkt, als der syrische Bürgerkrieg bereits vier Jahre andauerte und die Lager in den Nachbarstaaten heillos überfüllt waren. Kommissar Avramopoulos hat die Bezeichnung »Flüchtling« in einer Presseaussendung das erste Mal im August 2015 verwendet.

Die Grenzschutzagentur Frontex hat Anfang 2015 wohl wissentlich Falschinformationen über den Zustand von Frachtern und die Herkunft der Menschen an Bord verbreitet.

Nicht einmal mit unseren Worten nehmen wir uns die Zeit, zwischen Flüchtlingen und Migranten zu unterscheiden, dabei wissen wir, dass dies die Grundvoraussetzung einer Lösung ist.

Das sind die Treibsätze, die das Gerüst des gemeinsamen Europas zum Einstürzen bringen können.

Dass wir, die Menschen der Europäischen Union, weitgehend widerspruchslos bereit sind 6 Mrd. Euro an ein Land zu überweisen, das weiß Gott nicht nur am Sektor der Menschenrechte höchst fragwürdige Praktiken an den Tag legt, und dessen Herrscher vorsichtig formuliert am Rande einer Diktatur agiert, weil wir selbst nicht in der Lage sein wollen, unsere Werte auf unserem Boden zu definieren und umzusetzen. Europa endet nicht an den Schengen Aussengrenzen, unsere Verantwortung tut es auch nicht. Mit dieser jetzigen Haltung in der  Politik sowohl des Rates, als auch des Parlamentes und der Kommission werden wir in Nordafrika, zu erst in Libyen grauenhaft scheitern – das ist der Treibsatz der dieses Gerüst »Europa« einstürzen lässt.

Heute sind es die Menschenrechte, die Landauf, landab – auch in Österreich – immer weiter unterwandert werden, morgen ist es die Demokratie. Denn diese beiden Dinge hängen untrennbar zusammen. Und Demokratie endet bekanntlich nicht beim Finden einer Mehrheit durch Wahlen. Das ist das Thema unserer Gesellschaft heute und morgen und übermorgen.

Wenn wir Europa abbrechen wollen, machen wir weiter wie bisher. Zuerst werden wir zur Freihandelszone degradiert, welche sich nicht lange halten wird. Die Folge sind eine noch größere Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, Nationalismus und zuletzt Krieg.

Wenn wir nach Europa aufbrechen wollen, brauchen wir eine ehrliche, schlüßige, lebendige und visionäre Politik. Wir brauchen Leuchttürme in dieser Nacht, die uns den Weg weisen. Wir brauchen eine freie Kunst, die Visionen und Modelle entwirft, die in der Lage ist ein Narrativ zu entwickeln, mit dem wir in die Zukunft reisen können.

Und wir brauchen Mut.

ZEHNTAUSEND

Die Quadratur zynischer Heuchelei.

Pamphlet auf die Flüchtlingspolitik anläßlich der Einladung zur Aschermittwochsveranstaltung der Gebrüder Moped in der Kulisse in Wien. 

Die Einladung hierher war für mich Grund genug zu reflektieren, was mich dabei so aufregt, und noch einmal darüber nachzudenken, wie sich die Situation entwickelt hat. Dabei ist mir aufgefallen, dass wir bis zum Fall des Eisernen Vorhanges Fluchtbewegungen völlig anders diskutiert haben, als wir es seither tun.

Wie kam es dazu?

Anfang der 1990er Jahre ist ein Österreicher draufgekommen, dass sich mit der Stigmatisierung von Menschengruppen wieder Wahlen gewinnen lassen, und hat ein Volksbegehren mit dem Titel »Österreich zuerst« initiiert, das sich klar gegen Ausländer gerichtet und diese pauschal als Sozialschmarotzer verurteilt hat. Das hat zwar im ersten Moment reflexartig eine empörte Reaktion hervorgerufen und, wie sie wissen, zur größten Demonstration der 2. Republik geführt, dem Lichtermeer. Trotzdem haben die Initiatoren des Volksbegehrens bei den darauffolgenden Wahlen massive Stimmzuwächse verbucht und tun es immer noch.

Heute weiß jeder Politiker, dass man die Ängste der einheimischen Bevölkerung ernst nehmen muss. – Sind wir nicht alle schon davon überzeugt, dass die Bevölkerung tatsächlich begründete Ängste hat? Also wir tatsächlich Angst haben?  – Schwachsinn. – Die Bevölkerung hat keine Angst. Weil es nicht die Angst ist, die den Wähler antreibt, sondern die Lust an der Stigmatisierung. Und das haben unsere Politiker begriffen, weil sie intelligent sind.

Der Präsidentschaftskandidat einer Partei, die seit 30 Jahren durchgehend in der Regierung sitzt, startet mit einer abgrundtief rassistischen Ansage in den Wahlkampf, deren Inhalt deckungsgleich derselbe ist wie der des Volksbegehrens 1992. Das ist seine Interpretation der Nächstenliebe nämlich: Rassistisch.

Und sie wird ihm nicht schaden, wie wir wissen.

Die Katastrophe vor Lampedusa im Oktober 2013 markierte den traurigen Höhepunkt einer bis dahin schon lange andauernden Entwicklung und wurde zuerst von der Bevölkerung und daher dann auch von Politikern aus ganz Europa mit großer Betroffenheit rezipiert. Papst, hochrangige Vertreter aus der Europäischen Union und kein Österreicher sind damals auf die Insel gereist, und haben laut gerufen: Nie wieder! Quer durchs demokratische Spektrum – Sozialdemokraten, Konservative, Liberale.

Lampedusa war das Gegenstück zum Lichtermeer auf europäischer Ebene. Man hat erkannt, dass sich »illegale Migranten« besser politisch verwerten lassen, als »Kriegsflüchtlinge«, egal ob tot oder lebendig, solange es nur welche gibt.

Deswegen werden Fluchtursachen nicht behoben. Deswegen gibt es keine legalen Einreisemöglichkeiten, keine Aufnahmezentren, keine gemeinsamen Asylverfahren, deswegen funktioniert die Verteilung innerhalb Europas nicht.

Weil Politiker in ganz Europa, aber ganz besonders auch in Österreich, nicht das wichtigste Instrument verlieren wollen, mit dem sie Wahlen gewinnen können – Nämlich eine Gruppe nicht Wahlberechtigter, die sie straffrei und nach Belieben stigmatisieren dürfen.

Die größten Zugewinne verzeichnen jene, die den grauslichsten Kurs verfolgen. Kurz. Orban. Niessl. Mikl Leitner, Beata Szydlo, Seehofer, AfD, ÖVP, FPÖ, SPÖ…

Sie werden heute keinen Politiker mehr finden – weder links noch rechts -, der einen Obergrenzenrichtwert in Frage stellt, weil das schlicht und ergreifend einem politischen Selbstmord gleich käme.

Nur eine einzige Politikerin in ganz Europa hat sich hingestellt und gesagt hat: »Wir schaffen das.« Ursprünglich waren es zwei, der andere war ein tapferer Österreicher, der an ihrer Seite wie ein treuer Knappe gekämpft hat. Bis zum Umfallen.

Welch Ironie des Schicksals! Die letzte Bastion der Sozialdemokratie in Europa heisst also Angela Merkel.

Liegt es daran, dass Merkel die einzige Spitzenpolitikern ist, die weiß, wie es ist, in einem Land leben zu müssen, aus dem man fliehen will? Oder liegt es daran, dass sie beschloßen hat, sich keiner Wahl mehr zu stellen?

Lassen Sie es mich anders formulieren:

Wie lange würde sich ein Verkehrsminister im Amt halten können, wenn – sagen wir auf der Tauernautobahn – jedes Monat  über 300 Menschen bei Verkehrsunfällen um Leben kommen würden?

Alleine im letzten Jahr sind jeden Monat über 300 Menschen im Mittelmeer ertrunken. Und das sind nur die, von denen wir wissen.

»Die Zahl der Toten ist immer viel höher als die der Leichen, die an unsere Strände gespült werden.« hat Giusi Nicolini schon 2012 in ihrem offenen Brief an die EU geschrieben.

Ist ein einziger Politiker zurückgetreten?

Jeder weiß, dass die nun ein viertel Jahrhundert andauernde Abschottungspolitik  der Festung Europa überhaupt erst zu dieser Situation geführt hat, in der wir uns heute befinden – wir wissen, dass diese Politik falsch und gescheitert ist, und nur zu more of the same führt.

Dennoch wird diese Politik mit großer Unterstützung der Bevölkerung fortgesetzt. Aus Lust an der Stigmatisierung. Und so jubeln wir, wenn unsere Grenzen dicht gemacht werden, und wir die Griechen endlich aus dem Schengenraum ausschließen können, weil diese faulen Kommunisten »ihre Seegrenze nicht anständig schützen«, und in Wahrheit nur diese steuerhinterziehenden Souflakifresser schuld dran sind, dass die Flüchtlinge ertrinken. An dieser Haltung wird auch der Friedensnobelpreis für Lesbos nichts ändern. Und im selben Atemzug verlangen unsere Politiker von der Türkei gefälligst die Grenzen zu Syrien zu öffnen, weil dort nämlich  eine humanitäre Katastrophe droht! Das geht doch nicht, dass diese Kümmeltürken keine Flüchtlinge ins Land lassen, wo doch heute jedes Kind weiß, dass in Syrien ein grausamer Krieg herrscht!

Das ist die Quadratur zynischer Heuchelei. Und wir fallen drauf rein.

Vor ein paar Tagen habe ich ein Interview mit dem Chef von Europol gelesen, Brian Donald:

„Egal, ob registriert oder nicht, wir reden insgesamt von über 270.000 Kindern, die im letzten Jahr nach Europa gekommen sind. Nicht alle von ihnen sind ohne Begleitung, aber wir haben auch Hinweise darauf, dass es ein großer Teil sein könnte. Das deutet darauf hin, dass 10.000 eine sehr konservative Schätzung jener Anzahl von Flüchtlingskindern zu sein scheint, die seit ihrer Ankunft in Europa spurlos verschwunden sind. Sie sind aber nicht vom Erdboden verschluckt oder in Wäldern versteckt, obwohl auch das auf einige wenige zutreffen mag. Diese Kinder befinden sich vielmehr in der Mitte unserer  Gesellschaft, wenn sie als Sklaven oder sexuell missbraucht werden.«

10.000 Kinder.

Dagegen wirkt sogar der Fritzl wie ein stümperhafter Amateur.

»Faschismus ist eine Form rechtsextremer Ideologie, welche die Nation oder Rasse als organische Gemeinschaft verherrlicht, die alle anderen Loyalitäten übersteigt.«, definiert des amerikanische Politikwissenschaftlers Matthew Lyons.

Auf Präsidenten – Österreichisch heißt das:

»Nächstenliebe kann aber nicht nur eine Fernstenliebe sein.«, und damit es ja jeder versteht, »Charity begins at home – wir müssen zuerst auf unsere Leut’ schauen«.

10.000 Kinder.

Danke.

Fabian Eder, Wien, Februar 2016

no island

ARD Alpha: Themenschwerpunkt FLUCHT im Februar

Im Februar sehen sie unsere Filme KEINE INSEL und WOHIN UND NICHT ZURÜCK im Rahmen eines Themenschwerpunkts auf ARD Alpha.

Herausforderung Migration und Integration

Mehr als 60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht, die meisten streben aktuell nach Europa. Im Zentrum des Themenschwerpunkts „Flucht“ auf ARD-alpha stehen zwei Dokumentarfilme, die der Autor Fabian Eder mit der Schauspielerin Katharina Stemberger produziert hat. Darin zeigt er, wie die Bürger auf Malta, Lampedusa und Sizilien mit den Flüchtlingsströmen am Mittelmeer umgehen und wie das von österreichischen Künstlern mitbegründete „Integrationshaus“ in Wien Integration im Alltag betreibt. Nach diesem Vorbild plant die Initiative „Bellevue di Monaco“ ein ähnliches Projekt in München.

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Freitag, 12. Februar 2016, 21.00 Uhr

Keine Insel

Dokumentarfilm von Fabian Eder (Österreich, 2014)
Am 3. Oktober 2013 ertrinken 366 Flüchtlinge wenige Meter vor der Küste der
EU, und bis heute erreichen immer wieder überfüllte Flüchtlingsboote die Gewässer um Malta, Lampedusa und Sizilien. Im Dezember 2013 macht sich der Filmemacher Fabian Eder mit einem kleinen Team per Boot auf den Weg ins winterlich aufgewühlte Mittelmeer. Sein feuilletonistisch angelegter Dokumentarfilm widmet sich den Einheimischen auf den Mittelmeerinseln, die täglich mit den Ankömmlingen und ihren Schicksalen konfrontiert sind und bei denen sich die Probleme der europäischen Flüchtlingspolitik direkt auswirken. Lichtblicke entdeckt der Filmemacher auf seiner Reise ausgerechnet dort, wo man eigentlich die größte Verunsicherung vermuten würde: Am Beispiel ihrer kleinen Insel Lampedusa erklärt die Bürgermeisterin Giusi Nicolini ausführlich Chancen und Möglichkeiten aktiv gestalteter Migrationspolitik.

Freitag, 12. Februar 2016, 21.50 Uhr
Welt in Bewegung: Festung Europa
Dokumentation von Ulrich Langguth (Deutschland, 2015)
2015 kamen laut Schätzungen zwischen 1,1 und 1,3 Millionen Flüchtlinge allein nach Deutschland, was Bevölkerung, Behörden und Politik vor größte Herausforderungen stellt. Forderungen nach mehr Kontrollen und Grenzsicherungen wie etwa in Ungarn und Slowenien werden täglich lauter. Ist eine „Festung Europa“ denkbar und sinnvoll? Können Zäune das Flüchtlingsproblem lösen? Der 30-minütige Dokumentarfilm analysiert Ursachen, Probleme und Chancen von Zuwanderung, sucht nach Lösungen und geht der Frage nach, wieso Europa trotz vielfacher Warnungen nicht besser auf die Krise vorbereitet war. Zu Wort kommen unter anderen der Migrationsforscher und Politikberater Klaus Bade und der Ökonom und Arbeitsmarktforscher Herbert Brücker.

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Freitag, 19. Februar 2016, 21.00 Uhr

Wohin und nicht zurück

Dokumentarfilm von Fabian Eder (Österreich, 2015)
Mit Willi Resetarits, Elisabeth Orth, Alfred Dorfer, Peter Resetarits, Julya Rabinowich u.a.
Während die Staats- und Regierungschefs nach Lösungen für die Flüchtlingskrise suchen, ist der Bevölkerung weitgehend klar: Die Menschen, die nach Europa kommen, werden bleiben. Das „Integrationshaus“ in Wien besteht seit 20 Jahren und zeigt beispielhaft, wie aktiv gestaltete Integrationsarbeit funktionieren kann. Willi Resetarits, Sänger, Mitbegründer und Aushängeschild, spricht in dem 50-minütigen Dokumentarfilm unter anderem über 20 Jahre Integrationserfahrung, Ängste in der Bevölkerung und die Rolle Europas. Außerdem zeigt die Doku anhand von Mitarbeitern, Hausbewohnern und unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen: Integration ist zu schaffen – wenn wir wollen.

Freitag, 19. Februar 2016, 21.50 Uhr
Welt in Bewegung: Sans Papiers – heimatlos und illegal
Dokumentation von Lorenz Kloska (Deutschland, 2015)
Die Problematik von staatsrechtlicher Illegalität ist angesichts des Flüchtlingsstroms nach Deutschland aktueller denn je. Der Film beleuchtet die Situation bei der Registrierung der Schutzsuchenden und geht der Frage nach, wie Illegalität entsteht und wozu sie führt. Historiker Dr. Michael Schubert von der Universität Paderborn nennt Beispiele aus der langen Geschichte der Illegalisierung in Europa und verweist auf den Nutzen, den der Staat aus der Illegalität bestimmter Gruppen ziehen kann. Klaus Bade, Politikberater und Migrationsforscher, schildert Migrationsursachen, die eng mit dem ökonomischen Handeln Europas in den Herkunftsländern verknüpft sind. Steven Vertovec, Leiter des Max Planck Instituts für multiethnische und multikulturelle Gesellschaften, differenziert unser Bild vom Islam und prognostiziert, dass die Zahl der Menschen, die sich illegal bei uns aufhält, noch wächst. Birgit Poppert vom Bayerischen Flüchtlingsrat veranschaulicht, was Leben in der Illegalität bedeutet.

no island

NIEMALS VERGESST LAMPEDUSA

Heute vor zwei Jahren ertranken 366 Menschen vor Lampedusa. Die Staats- & Regierungschefs der Europäischen Union beschloßen in dem darauffolgenden Gipfel, sich dieser Angelegenheit nicht anzunehmen. Die offizielle Begründung dafür war, dass man vor den Europawahlen im Mai 2014 einen Rechtsruck befürchtete.

Die Europawahl zog ins Land. Niemand nahm sich des Themas an. In der Grundsatzerklärung des neu gekürten Präsidenten der Europäischen Kommission, Jean-Claude Juncker, kam das Wort „Flüchtling“ nicht einmal vor. Wenn, dann wurde von illegaler Migration gesprochen.

Auch der neu ins Amt gekommene Kommissar für Migration, Dimitris Avramopoulos, tat es ihm gleich. Selbst die tragischen Ereignisse im Frühjahr 2015 konnten den alten Mann nicht dazu bewegen, in seinen Presseaussendungen von Flüchtlingen zu sprechen. Er diskriminierte auf diese Art und Weise große Gruppen von Menschen auf einen abscheuliche Art und Weise.

Auch der ORF Teletext, Teil des österreichischen Leitmediums, hatte sich im Frühjahr auf diese Terminologien eingeschoßen. Im Zuge der Katastrophen vom April und Mai 2015 hieß es in einer Meldung, dass 1500 illegale Einwanderer im Mittelmeer ertrunken seien. Auf meine Nachfrage, woher die zuständige Redaktion wissen wolle, dass es sich „illegale Einwanderer“ handle, bekam ich eine jene überheblichen Schmafuantworten. Die Meldung wurde nicht korrigiert.

Mitteleuropa hat sich jahrelang abgewandt. Unsere Politiker waren der Meinung, dafür nicht zuständig zu sein. Erst als 71 Leichen in einem Lieferwagen auf der Ostautobahn gefunden werden, entsteht das Bewusstsein, dass man sich vielleicht doch mit der Situation auseinandersetzen müsse.

Was folgt ist das hysterische Herumgegackere absolut überforderter Verwalter, die glauben Politiker zu sein. Das ist unser Status quo.

Fabian Eder, 3.10.2015

 

TEXTMONTAGE FÜR FRANKENBURG (Imagine)

Was geschieht

Es ist geschehen
und es geschieht nach wie vor
und wird weiter geschehen
wenn nichts dagegen geschieht.
Die Unschuldigen wissen von nichts,
weil sie zu unschuldig sind
und die Schuldigen wissen von nichts,
weil sie zu schuldig sind.
Die Armen merken es nicht,
weil sie zu arm sind
und die Reichen merken es nicht,
weil sie zu reich sind.
Die dummen zucken die Achseln,
weil sie zu dumm sind
und die Klugen zucken die Achseln,
weil sie zu klug sind.
Die Jungen kümmert es nicht,
weil sie zu jung sind,
und die Alten kümmert es nicht,
weil sie zu alt sind.
Darum geschieht nichts dagegen
und darum ist nichts geschehen
und geschieht nach wie vor
und wird weiter geschehen, wenn nichts dagegen geschieht.

(Erich Fried „Was geschieht“)

Musik: Intro

(Rezitiert)

Und jetzt stell Dir vor, es gebe keinen Himmel,
ich weiss, das ist nicht leicht,
aber dann gibts auch keine Hölle,
und über uns ist niemand, nur die Sterne,
und wir leben für einander
und nur in dem Moment.

Stell Dir vor, es gebe keine Grenzen,
nur für einen Augenblick,
dann gibt es nichts, wofür man tötet oder stirbt,
und wenn es auch keine Religionen mehr gibt –
Kannst Du Dir das vorstellen?
Dann ist Frieden.

Stell Dir vor, es gebe keine Reichtümer,
weisst Du was das heisst?
Ohne Gier muss niemand hungern.
Keiner muss einem Anderen dienen.
Stell Dir vor,
wir alle teilen uns einfach diese Welt.

Refrain englisch, Chor. 

(„Imagine“, John Lennon. Übersetzung: Fabian Eder)

no island

DAS MÄDCHEN MIT DER GRÜNEN HOSE

Die Gräber am Friedhof der Insel Lampedusa sind die von Fischern, mitten unter ihnen die letzte Ruhestätte des „Unbekannten Einwanderers“, datiert mit dem 29. September 2000. Die Tore der FESTUNG EUROPA sind fest verschlossen, und tagtäglich ertrinken Menschen im Mittelmeer. 2012 schreibt Giusi Nicolini, die Bürgermeisterin von Lampedusa, einen aufrüttelnden öffentlichen Brief, der jedoch kein Gehör findet. Zu diesem Zeitpunkt befindet sich auf der Insel bereits ein riesiger Schiffsfriedhof. Als am 3. Oktober 2013 dann 366 Menschen zu einem medial günstigen Moment wenige Meter vor der kleinen Insel sterben, folgt ein Aufschrei. Der Papst, EU-Kommissionspräsident Barroso und EU-Parlamentspräsident Schulz reisen nach Lampedusa und versprechen den Menschen: „Nie wieder!“
Italien rettet mit der Operation„Mare Nostrum“ über 170.000 Menschen. Rund 4000 finden trotzdem den Tod. Nach einem Jahr endet diese Mission und täglich steigt erneut die Zahl der Opfer. Allein zwischen dem 16. und 18. April 2015 ertrinken 1700 Menschen, unter ihnen das Mädchen mit der grünen Hose.
Erst durch massiven öffentlichen Druck lassen sich EU-Kommission und EU-Regierungschefs dazu herab, geeignete Schiffe in die Region zu schicken. Die dafür eilig einberufenen Gipfeltreffen beginnen mit inszenierten Schweigeminuten. Jeder der Schweigenden wusste seit Langem, dass diese Unglücke passieren würden.
Europas Politik ruft den Kampf gegen kriminelle Schlepper aus. Alle Boote sollen versenkt werden. Als die Menschen über die deutsch-deutsche Grenze flohen, nannte man die Schlepper Fluchthelfer. Oskar Schindler oder Hugh O’Flaherty wären nach modernen europäischen Standards Schwerkriminelle.
Im offiziellen Wording der EU-Kommission vor, zu und nach dieser Katastrophe werden die Worte „Flucht“ oder „Flüchtling“ stets vermieden, stattdessen ist von „Irregulären“, „Illegalen“ und „Migranten“ die Rede. Diese Sprachregelung ist per se sowohl eine Ausgrenzung als auch eine Herabwürdigung, welche an die Formulierung „unwertes Leben“ erinnert.
Dass Flüchtlingen keine Möglichkeit gegeben wird, Europa auf sicherem und legalem Weg zu erreichen, um Asyl zu beantragen, schafft nicht nur die Existenzgrundlage der Schlepper, es stellt auch ein Auswahlverfahren dar, das als Sozialdarwinismus bezeichnet werden muss: Nur die Stärksten, Gesündesten, Schnellsten und Reichsten dürfen durchkommen. Der Glaube vor 70 Jahren von diesen Ideen befreit worden zu sein, erweist sich als Irrtum. Europa verdrängt, dass sein Fundament auf der Asche von Auschwitz gebaut worden ist. Ein tödlicher Fehler.
Vor mir liegt das Bild des kleinen Mädchens, das in einem rosa Kleid im Wasser treibt, darunter eine grüne Hose, keine Schuhe und mit dem Kopf nach unten. Aufgenommen am 18. April diesen Jahres. Der Wunsch, ihr Leben leben zu dürfen, wurde ihr verwehrt: Sie war nicht gut genug.

Fabian Eder, München, Mai 2015 für die „GUTE ZEITUNG“ des Integrationshauses in Wien

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WAS GESCHWIEGEN WERDEN SOLL

WAS GESCHWIEGEN WERDEN SOLL
oder
CHRONOLOGIE DES APRIL.

Nahe Zukunft, kein Geheimnis,
Bilder klar gestochen scharf,
Wie das Kalkül.
Ohne Taten handeln,
Mut zur Feigheit,
Hingesehen und weggeschaut an diesem 17. April.

Habt Angst!
Und Ängste haben wir.
Aus Furcht die Angst der Hass.
Aus Hass der Tod.

Mädchen zur Seite gedreht,
In diesem blauen Meer,
Rosa Kleid und grüne Hose,
Drei Jahre, Keine Schuhe,
Kopf unter Wasser, 18. April.

Schuld?
Die Anderen.
Wir, die Bedrohten.
Wir, die Überrannten.
Wir, die Opfer.

Die Anderen.
Die, die Schlepper.
Die, die Geschäftemacher.
Die, die Pflichtversäumer.

Würdevolles Schweigen,
Zu große Bühne, Vorhang auf:
Betroffenheit, So-tun-als-ob,
Jämnerliche Schmiere,
Die Leichen nicht vergraben, schon der Totentanz.
Eitler Reigen.
Nie wieder,
Wieder und zu oft gelogen,
An diesem 23. April.

Selber Schuld.
Sie, die Illegalen.
Sie, die Irregulären.
Sie, die Fremden.

Sie, die Toten.

Roter Teppich
Für Vierundzwanzig von Neunhundert,
Vierundzwanzig Eichensärge,
Trauermarsch.
Festakt im Plastikzelt,
Staatsmännlein aus der zweiten Reihe,
Diese Reise nicht mehr lohnend
Für Präsidenten oder Päpste.
Endlos 23. April.

Sprachloses Geschwätz.
Da muss man das,
Da muss man mehr,
Deswegen kann man nicht,
Wer soll das bezahlen?
Ergo.
Keine Anderen, keine Schuldigen.
Keine Boote, kein Ertrinken.
Keine Flucht, kein Tod.
Kein Weg, kein Wanderer.
Brillante Logik großer Denker.

Genug empört, Pause machen.
Ruhiges Wasser, kühles Nass,
Gestreckter, weisser Körper,
Kopfüber tauche ein.
Hörst Du die Stimmen aus der Tiefe?
Nein.
Nur in den Träumen,
Rosa Kleid und grüne Hose, Kinderhand.
Schlaf weiter.
Alles nur ein Traum,
Irgendwann im Mai.

Und Morgen?
Du weisst es längst,
Ist wieder 18. April.
Was macht das schon?

Schweig weiter.
Du bist nicht schuld.
Diesen Kuß der ganzen Welt.

(c)Fabian Eder, München, im Mai 2015

Anmerkung:

Der Text bezieht sich auf die Ereignisse im April 2015, als die von der EU und vielen ihrer Mitgliedsstaaten verschlafene und negierte sogenannte „Flüchtlingskrise“ eskalierte. In der Folge kam es in manchen Ländern zuerst zu einer beispiellosen Solidaritätsbewegung, ehe sich die Abschottungspolitik von Viktor Orban und den Visjegard Staaten durchsetzte, weil diese alle Bemühungen der Europäischen Union verhinderten, eine humanitäre und humanistische Lösung der Herausforderung herbeizuführen. Das führte zu Alleingängen und manche Politiker nutzten dies zur persönlichen Profilierung als Hardliner, welche die Ängste und Sorgen der Bürger auf irrationale Art und Weise schürten. Die Konsequenz war eine große Verunsicherung, welche letzten Endes zum umstrittenen und knappen „Brexit“ Votum führte. 

Weiters nimmt der Text auf ein Bild Bezug, welches bereits einige Wochen vor „Aylan“ existierte, aber medial nicht zur Kenntnis genommen wurde, und das ein mit dem Kopf nach unten im Wasser treibendes, ungefähr 4 Jahre altes Mädchen zeigt. 

Der Startschuss für die totale Eskalation im April 2015 war jenes Boot, das mit zwischen acht- und neunhundert vor der Küste Libyen sank. Die wenigen Leichen, die damals geborgen wurden, wurden in Malta in einem Plastikzelt aufgebahrt. An den Trauerfeierlichkeiten nahmen nur Politiker aus der 2. Reihe teil, im Gegensatz zur Katastrophe von Lampedusa (Oktober 2013), wo Papst, EU Kommissionspräsident und EU Parlamentspräsident auf die italienische Insel reisten und lautstark „Nie wieder“ versprachen.

Das Wrack dieses Bootes wurde über ein Jahr später, im Juni 2016, von italienischen Behörden gehoben, die sich auch bemühten, die darin enthaltenen Leichen zu identifizieren und menschenwürdig zu bestatten. Das war freilich niemandem eine Meldung wert. (Fabian Eder – Juli 2016)