Keine Angst

Wir müssen nicht mutig sein, um keine Angst zu haben, denn wir sind viele und mehr noch: die meisten. Wir haben keine Angst vor der Welt, weil wir unsere Welt gestalten. Und jene, die uns Angst machen wollen, damit sie diese unsere Angst benutzen können, um das Rad der Zeit anzuhalten, fürchten wir nicht. Wir betrachten sie mit dem Interesse, mit dem wir Höhlenmenschen betrachten, denn sie sind Teil der Vergangenheit dieser unserer Menschheit, deren Evolution sich dadurch begreift, dass sie in der Lage ist aus den Fehlern der Eltern und Großeltern zu lernen, manchmal zaghaft, schlussendlich aber immer doch. Wir haben keine Angst, weil wir wissen, dass wir für einander da sind, weil unser großer, gemeinsamer Wille eine freie, vielfältige und bunte Welt schafft, weil sich Abermillionen von uns im Herzen zusammenschließen können. Wir haben gemeinsame Ziele. Wir haben Wünsche, wir haben Sorgen, Probleme und Schwierigkeiten, aber wir haben keine Angst. Wir wissen, dass wir aus jedem Einzelnen bestehen und dass der Einzelne nicht unbedingt uns allen entsprechen muss, um Teil von uns zu sein und unseren Schutz zu geniessen. Wir wissen, dass wir einander nicht allein lassen werden. Wenn es kalt wird, werden wir einander wärmen. Wir wissen um die Sorgen jedes Einzelnen und wir wissen, dass die Antworten auf viele Fragen oft nicht leicht zu geben sind. Wir wissen, dass es Antworten gibt, die hübsch klingen, und wissen, dass diese nichts taugen. Wir haben keine Angst vor jenen, die den Zeigefinger erheben. Wir haben keine Angst zu erkennen, was wir gut machen. Wir haben keine Angst unseren Kindern Wind unter den Flügeln zu machen, damit sie in ihre Zukunft fliegen können. Wir haben vor niemandem Angst, denn niemand kann uns unsere Seele nehmen, kein Gott, kein Führer und kein Geld dieser Welt. Wir haben nämlich keine Angst, weil wir uns vorbeugen, auf unsere Knie stützen, und mit großen Augen neugierig schauen, lernen und lieben. Wir haben keine Angst Wind zu sähen, denn unser Wind trägt den Samen weiter und macht die Blumen blühen. Wir haben keine Angst vor dem Wind, denn der Wind ist kein Sturm. Wir haben keine Angst vor denen, die Angst haben. Wir kümmern uns um Euch, weil wir gemeinsam sind. Wir haben keine Angst vor Euch, die ihr uns Angst machen wollt. Wir bringen Euch Wasser und Essen in Eure Höhlen, in denen ihr die Kritzelein Eurer Ahnen bestaunen dürft, auch wenn ihr nichts aus diesen lernen könnt. Wir haben keine Angst.

Fabian Eder, Wien, 26. Jänner 2012, anlässlich des WKR Balls (Wiener Kooperationsring), welcher als eine Versammlung rechtsextremer, nationalistischer Persönlichkeiten mit eindeutig antisemitischen, xenophoben und faschistischen Einstellungen genau am Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz durch die Alliierten als bewusste Provokation in der Wiener Hofburg, am sogenannten „Heldenplatz“ abgehalten wurde. Auf diesem Platz wurde Hitler von einer großen Menge frenetisch in Empfang genommen. Der Ball wurde auf Grund von heftigen Protesten von der Hofburg Betreibergesellschaft aus dem Programm gestrichen. Stattdessen hat die FPÖ, österreichische Parlamentspartei mit nationalsozialistischen Wurzeln, einen Ball an genau demselben Tag und mit genau demselben Publikum unter ihrer Patronanz veranstaltet. Diese offene, antisemitische Provokation und Missachtung der Menschenwürde  trieb mehrere tausende Menschen zum Protest auf die Strassen.

Heldenplatz