Gegen Willkür

Zum Weltflüchtlingstag 2018

Gehalten am Abend der Zivilgesellschaft am 7.Oktober 2018 im Theater an der Josefstadt

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde!

Ich freue mich außerordentlich, Sie alle bei dieser Veranstaltung begrüßen zu dürfen. Es gibt nur ein kleines Problem: Es ist mir unangenehm, aber ich muss Ihnen gestehen: Ich habe leider überhaupt keine Ahnung! Ich kann nicht über jene sprechen, die zu uns gekommen sind, denn ich kenne die Angst nicht, die sie in die Flucht geschlagen hat. Ich kenne die Qualen nicht, die sie ertragen haben, um unser Land zu erreichen. Ich kenne die Mühen nicht, in einem fremden Land zwischen fremden Menschen ein neues Leben zu beginnen. Mein Wissen beschränkt sich auf das, was ich aus persönlichen Erzählungen und den Medien weiß. 

Welches Recht habe ich also, heute vor Ihnen zu sprechen? Und was kann ich Ihnen sagen, ohne Ihnen ein Märchen zu erzählen – ? Also: Es war einmal! 

Es war einmal ein kleines Land, das hatte schlaue Bürger. Das Land war bedroht. Die Bürger waren sich einig, dass ihr wertvollster Besitz eine wunderschön klingende Glocke war. Um diese vorsorglich vor den Feinden zu schützen, beschloßen sie, die Glocke in einem See zu versenken, mit der Absicht, sie wieder herauszuholen, sobald die Gefahr vorbei sein würde.

Um sich zu merken, an welcher Stelle des Sees sie die Glocke versenkten, schnitzen die findigen Bürger eine Kerbe in den Bootsrand. Wenig später, als die Bedrohung vorüber schien, mussten sie freilich feststellen, dass sie so die Glocke nicht wiederfinden konnten! Das versetzte sie derart in Wut, dass sie die Kerbe aus dem Bootsrand heraus schnitten, wodurch der Schaden am Boot freilich nur noch größer wurde.

2018, sehr geehrte Anwesende, wird in Österreich ein großes Gedenkjahr begangen – Sie wissen das. 1918, 1938 – Jahreszahlen, die zwei Weltkriege zu einem geschichtlichen Prozess zusammenfassen, welcher der blutigste war, den Europa je gesehen hat. 

Aber diese beiden Jahreszahlen erinnern uns auch an 20 Jahre Bürgerkrieg in Österreich, der ausbrach, nachdem eine alte Weltordnung zusammengebrochen war, und andauerte, bis ein vermeintlicher Befreier (,ein Sohn dieser Stadt,) ihn beendete. Was dem folgte, ist Ihnen bekannt. Was ihm vorausging, wird gern vergessen: 

Jener erbitterte Streit zwischen Sozialdemokraten und Christlich – Sozialen, in dem Österreicher auf Österreicher schoßen, und der die erste Republik in eine Diktatur führte, welche den Anschluß an das Deutsche Reich zur Folge hatte – der von der Bevölkerung wie eine Befreiung wahrgenommen wurde. Welch fataler Irrtum.   

»Demokratie ist keine harmonische Konsensveranstaltung, sie ist eine Konfliktordnung.«, schrieb Isolde Charim vor kurzem in der Wiener Zeitung, ein Gedanke, den wir uns öfter vor Augen halten sollten, wir, die wir scheinbar selbstverständlich in einem der reichsten und, wie ich behaupte, dem sichersten Land der Welt leben. Demokratie ist ein hartes Stück Arbeit.

Aber auch am anderen Ende der Welt jährt sich heuer zum vierzigsten Mal der Beginn eines blutigen und brutalen Bürgerkrieges, der allerdings noch kein Ende gefunden hat, und in dem die Konfliktparteien kommen und gehen, scheinbar wie es ihnen beliebt. In diesem 40 jährigen Krieg mussten mehr als sechs Millionen Afghanen fliehen. Zwischenzeitliche Versuche in die Heimat zurückzukehren, wurden mit einem Aufflammen des Krieges belohnt, wodurch im Jahr 2001 eine neue Flüchtlingswelle entstand, die bis heute anhält. 

Das Bild gleicht jenen Bildern aller bewaffneten Konflikte:

Hunderttausende wurden innerhalb des Landes vertrieben, viele Millionen mussten Afghanistan mittlerweile verlassen, von denen fast alle in den unmittelbar benachbarten Staaten Pakistan und Iran eine Exilexistenz fanden. Die meisten von Ihnen hoffen auch heute noch auf eine Rückkehr nach Hause, eine Rückkehr, die sie aus gutem Grund nicht wagen, manche schon seit vierzig Jahren.  

Der verbleibende kleine Teil der Flüchtenden hat sich auf eine lebensgefährliche Reise in fernere Länder begeben, und will dabei nichts anderes, als das, was auch wir wollen: Sicherheit. 

Meiner Meinung nach, ich sagte es schon, leben wir im sichersten Land der Welt. 

Woher kommt diese Sicherheit, wo wir doch vor wenigen Jahrzehnten uns noch gegenseitig auf offener Straße erschoßen haben? Wo wir doch vor gar nicht allzu langer Zeit in Österreich, wie in ganz Europa, in den Schuttbergen des Zweiten Weltkrieges standen? In den Schuttbergen der Wahnvorstellung, es gebe so etwas wie eine völkische Identität mit tausendjährigem Bestand zwischen unüberwindbaren Grenzen? Eine solitäre Sicherheit, also Sicherheit, die nur für uns existiert, und für niemanden sonst?

Sicherheit, und das wissen Sie, entsteht nicht durch mehr Polizei oder geschloßenere Grenzen, Sicherheit entsteht durch soziale Ausgewogenheit, durch den Willen, miteinander in Frieden zu leben, voneinander zu lernen, den anderen zu respektieren und zu akzeptieren, gesellschaftliche Pflichten auf der Grundlage zu verstehen, dass wir einander die Freiheit lassen, unser Leben selbst zu bestimmen, Dinge zuzulassen, nicht zu verbieten, zu vertrauen und nicht einander zu bespitzeln oder zu überwachen, zu vertrauen und nicht einander zu misstrauen. – Das, liebe Freunde, und nichts anderes begründet Sicherheit. Wir nennen es Demokratie. 

Heißt das, dass unser Vertrauen niemals missbraucht wird? Nein, natürlich nicht. Ist deswegen Kontrolle besser als Vertrauen? Nein, weil Kontrolle nichts anderes bedeutet als: Ich vertraue Dir nicht.  

Als unser Land nach dem Krieg, wie man in Österreich so treffend sagt, »im Oasch« war, waren es nicht unsere aufgeklärten humanistischen Werte, die den Wohlstand begründeten, auf dem diese Sicherheit letztlich fußt. Es waren auch nicht die Trümmerfrauen oder der unermüdliche Fleiß des braven Österreichers! Und es war nicht unerschütterliche Heimatliebe, die unsere Vorfahren  in einem Land gehalten hat, in dem es kaum zu essen gab. Und es war auch nicht die Sicherheit, denn die gab es damals auch nicht. 

Es waren die unermesslichen und scheinbar unerschöpflichen finanziellen Mittel einer internationalen Gemeinschaft, die den Wiederaufbau erst möglich machten. Einer Gemeinschaft, die wirklich keinerlei Grund hatte, den Verursachern von zwei Weltkriegen solidarisch unter die Arme zu greifen, keinen Grund hatte, uns zu vertrauen! 

Sie tat es doch. Warum? Weil sie mit Vernunft und Weitblick handelte. Und nein, es war nicht selbstlos von dieser Staatengemeinschaft, und der Plan zu dieser »Hilfe« entstand bereits lange vor dem Ende des Kriegs. 

Wieviele Millionen Flüchtlinge hätte Europa ausgespuckt, hätte man es in Schutt und Asche liegen lassen? Wieviele weitere bewaffnete, blutige, grausame Auseinandersetzungen wären ohne diese Mittel innerhalb kürzester Zeit in Europa entstanden beim Kampf um ein Stück Brot oder ein Scheit Holz, um den Winter zu überleben?

Nach dem schier übermenschlichen materiellen, persönlichen und finanziellen Einsatz der Alliierten, uns militärisch von der – von uns demokratisch – gewählten Nationalsozialistischen Terrorherrschaft zu befreien, sind es die Russen, die Amerikaner, Engländer und Franzosen, die Unsummen an Geld in die Hand nahmen, Geld, das die Bürger dieser »Nationen« erwirtschaftet und erspart hatten, um unser Land wieder in Stand zu setzen. Denn wir hatten Nichts, außer zerbombter Wohnungen und mit Glück noch ein bisschen Silberbesteck, das wir unseren jüdischen Mitbürgern gestohlen hatten, als wir uns noch allen anderen überlegen gefühlt hatten. Es waren also die Bürger jener  Nationen, die von uns mit Waffengewalt bedroht waren, die wussten, dass der einzige Weg, Sicherheit für sich selbst zu finden jener war, uns Sicherheit zu geben – uns zu helfen. Ohne Obergrenze und ohne Misstrauen.  

Wenn ich heute Politiker, Menschen, von dem Recht der Nation reden höre, von der Pflicht, die Grenze zu schützen, von dem Vorrecht der hier Geborenen, von der nationalen Identität, von Wertekursen, von Identität durch Sprache, Kultur durch Religion, wenn ich höre, wie Zusammenhalt als Sozialromantik bezeichnet, menschliches Handeln als linke Träumerei desavouiert wird, und wir zwischen Uns und Denen die Unterschiede herausarbeiten, freilich nur zu unserem scheinbaren, momentanen Vorteil, dann denke ich mir, wie blind seid ihr, und wie dumm, und welche Werte maßt ihr euch an, anderen weiterzugeben? Versteht ihr nicht, denke ich, und heute spreche ich es aus: Versteht ihr nicht, dass Euer Tun unsere Sicherheit und unseren Wohlstand gefährdet? Versteht ihr nicht, dass eure Politik genau das verursacht, wovor ihr uns Angst machen wollt?

Lassen Sie mich versuchen, das Konzept »Macht durch Angst« zu dekonstruieren! Denn Angst ist nichts Negatives, jeder Mensch hat Angst, von Geburt an. Angst ist, wie die Liebe, Teil jenes unsichtbaren Bandes, das uns alle verbindet. Und wir sind gut beraten, unsere Ängste wahrzunehmen, anzusehen, und mitzuteilen. 

Denn ein Leben lang, vom Kleinkind- bis zum Greisenalter, lässt sich Angst durch Lernprozesse maßgeblich verändern. Jede Art von Angst kann gelernt, aber auch verlernt werden.

Wir lernen Ängste durch unsere eigenen Erfahrungen, oder indem wir das Verhalten anderer beobachten, und uns entschließen, diese Angst zu unserem Schutz nachzuahmen. Aber wir lernen Angst auch durch Instruktion, das heißt, wir lernen Angst dadurch, dass uns jemand sagt, wovor wir Angst haben müssen. Und diejenigen, die uns diese Instruktionen geben, leiten daraus meist für sich selbst ab, eine moralische Instanz zu sein.   

Unangebrachte Ängste aber verschwenden unsere Energie und lähmen uns, bei zu geringen Ängsten fehlt uns hingegen die notwendige Warnfunktion und die daraus entstehende Schutzwirkung – wie es zum Beispiel die Flucht aus einer lebensbedrohlichen Situation ist.  – Brennendes Haus, kann nicht löschen, – nix wie raus!  Gesund, meine ich. 

Wenn wir also Angst um unsere Sicherheit haben, müssen wir uns fragen, wie wir damit umgehen wollen? Ja, viele Österreicher fühlen sich bedroht durch die Welle an Flüchtenden, die uns vor drei Jahren in einer sehr speziellen Situation erreicht hat. Ich will nicht über diese Fluchtbewegung sprechen, Sie kennen die Stereotype, aber ich bitte Sie, diese Ängste unserer Mitbürger mit mir gemeinsam wahrzunehmen und zu betrachten, ganz im Sinne der Arbeit an der Demokratie. 

Nehmen wir die Angst also ernst, vielleicht ist sie wirklich eine Schutzreaktion auf eine Bedrohung, die wir nicht fassen können, also die gesunde Reaktion auf ein Feuer, von dem wir meinen, es nicht löschen zu können?  

Und jetzt wird’s kniffelig! 

Wenn dem so ist, verehrte Zuhörer, ja – wohin sollten wir denn flüchten, wo wir doch schon im sichersten Land der Welt leben, und uns dennoch nicht mehr sicher fühlen?! 

Genau an diesem Punkt beginnt die Angst uns zu lähmen, uns die Energie aus den Adern zu saugen, und wir fahren auf den See hinaus und versenken unser wertvollstes Gut im See, damit es uns nicht weggenommen werden kann. Genau an diesem Punkt schützt uns die Angst nicht mehr, sie schadet uns.  

Wenn wir aus Angst um unsere Sicherheit Menschen in jene Länder zurückschicken, aus denen sie aus Angst um ihr Leben geflohen sind – wem ist damit gedient? Wir leben weiter mit unserer Angst, weil wir wissen, dass die, die wir weggeschickt haben, in ein Leben voller Angst zurückkehren, voller Angst, voller Gewalt. In ein Leben zwischen Trümmern, wo Bomben in Schulen explodieren – Bomben in Schulen! Wo den Trümmerfrauen nichts in die Hand gegeben wird, um ihr Land wieder aufzubauen, sondern im Gegenteil, sie dafür gesteinigt werden. 

Werden wir also zu den Verursachern einer Angst, die zur Wut gegen uns wird, und unsere Sicherheit bedroht, einer Wut, gegen die uns kein Zaun und keine Mauer schützen kann. Das haben wir aus der Beobachtung anderer gelernt. 

Oder werden wir zu jenen, die ihr Möglichstes tun, um diese Ängste zu beseitigen, nicht, weil wir selbstlos alle retten wollen, sondern weil wir selbst in Sicherheit leben wollen?

Unsere Mitbürger haben recht, liebe Freunde, wir können nicht die ganze Welt retten. Wir können auch den Krieg in Afghanistan nicht beenden. Keine Nation kann das alleine. Aber wir können unseren Beitrag leisten, im Sinne unserer eigenen Sicherheit. 

Denken Sie daran, wenn sie das nächste Mal einen Politiker sehen, der sich stolz auf die Brust klopft, weil er einen Pfad versperrt hat, statt einen Weg zu öffnen. 

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. 

Veröffentlicht in Rede

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