Rohstoff Vielfalt

Rohstoff Vielfalt

Kommissionspräsidentin Von der Leyen trägt ihre Reden und Statements auf Englisch vor. Das ist weiter nichts besonderes, jedes Kind spricht Englisch. Von der Leyen verwendet eine europäische Amtssprache, aber gleichzeitig – und da beginnt das Problem – eine Sprache, die in keinem Mitgliedssaat Amts- bzw. Muttersprache ist, und mehr noch, die Muttersprache des einzigen Landes, das bisher die Europäische Union verlassen hat weil sich sein Volk gegen den Reichtum an Diversität entschieden hat, den Europa zu bieten hat. Kaum einer wird angesichts der disruptiven Gegenwart Zweifel hegen, dass sich das transatlantische Bündnis in einer großen Veränderung befindet. Die illiberalen Züge der USA werden zusehends markanter. Der Demutssprung des Vereinigten, aber nicht mehr an die Europäische Union gebundenen Königreichs vor dem Oligarchen aus Washington ist bemerkenswert; dass dies zu allem Überfluß unter einem Sozialdemokratischen Premierminister geschieht, fast schon bezeichnend. Wir müssen zugeben, dass unser Narrativ, der Brexit wäre ein Irrtum gewesen, der eigentliche Irrtum war. 

Um uns von Russland unabhängig zu machen, hat die Europäische Union im Zolldeal mit Trump den USA die Abnahme von fossilen Brennstoffen in enormen Ausmaß zugesichert und uns damit langfristig an ein Land gekettet, in dem eine politische Elite wie jene der MAGA Bewegung die Macht erlangen kann. Bei allem Pragmatismus: Ist die Unterordnung unter diese Hegemonie, die längst nicht mehr unsere gesellschaftlichen Werte teilt, zielführend?

Die Europäische Union ist eine Wirtschaftsgemeinschaft, die unter dem Eindruck von Holocaust und zwei Weltkriegen als Friedensprojekt gegründet wurde. Ihre Grundlage ist der Reichtum an Vielfalt. Niemand wird bestreiten, dass Sprache, Denken und Kultur zusammenhängen. Die Vielfalt ist jenes Alleinstellungsmerkmal, das Europa seinen wirtschaftlichen und politischen Wettbewerbsvorteil in der Welt gibt. Nur wenn wir lernen, diesen erneuerbaren Rohstoff zu nutzen, werden wir bestehen. 

Die großen Reiche – USA, China, Russland, Indien – sie alle haben große Teile ihrer Vielfalt bereits erschlagen, nicht zuletzt, weil sie den Menschen ihre Sprache genommen haben. „Free Speech“ gilt, solange Du meine Sprache sprichst – diesbezüglich unterscheiden sich Peking, Moskau und Washington nicht mehr. Die Manifestation der Orban’schen Illiberalen Demokratie nach russischem Vorbild dürfen wir live erleben. 

Angela Merkel konnte Putin verstehen, weil sie seiner Sprache mächtig war. Putin spricht zumindest Englisch und Deutsch, wahrscheinlich auch andere Sprachen. Diktatoren sind nicht ungebildet, im Gegenteil. In Interviews mit deutschsprachigen Journalisten hat er nicht einmal den Knopf aus dem Ohr gezogen, nachdem er unkorrekt übersetzt worden war, und in seinen eigenen Worten auf Deutsch geantwortet. Welcher Europäische Spitzenpolitiker spricht eigentlich Russisch?

Daß die Kommissionspräsidentin der vergleichsweise jungen Europäischen Union weder ihre eigene, noch die Sprache eines anderen Mitgliedsstaates für ihre Statements verwendet, ist aber ein Signal der Schwäche gegenüber allen Autokraten, vor allem aber gegenüber Putin. Es ist ein Zeichen der Einfalt.

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