Europa im Mai 2026

Europa im Mai 2026

Als Mitte der 1980er Jahre die Waldheimaffäre in Österreich aufbrach und der steile Aufstieg des Urvaters der Neuen Rechten, Jörg Haider, begann, stellte Habermas in Deutschland etwas anderes unmissverständlich klar, zu dem wir in Österreich bis heute nicht fähig sind. Die Unstrittigkeit der Schuld des Deutschen Volkes am und die Singularität des Holocaust, der nicht mit den Verbrechen gegen die Menschlichkeit anderer Diktaturen verglichen werden kann. Im sogenannten Historikerstreit zertrümmerte er die Ausrede, dass Nationalsozialismus und Holocaust aus der Notwendigkeit der Abwehr des Bolschewismus entstanden sein könnten; kein anderes Verbrechen hatte jemals die weltweite Auslöschung einer einzelnen Gruppe zum erklärten, programmatischen Ziel. Darin besteht die Unvergleichbarkeit des Holocaust und die Schuld der deutschen Völker. In diesem Zusammenhang prägte er auch den Begriff des »Linken Faschismus«, für den er wenig überraschend sehr angefeindet wurde.

Habermas war aber ein Europäischer Vordenker, der der Aufklärung verpflichtet war. Freiheit und Gleichheit sah er als Grundlagen für gelingende Kommunikation auf allen Gebieten,. Nicht nur autoritäre Regierungen, auch wirtschaftliche Imperative versuchen diese Kommunikation zusehends zu unterdrücken, zu vereinnahmen und auf diese Art zu zerstören. Damit antizipierte er das Dilemma der heutigen Mediengesellschaft. Sein Modell der »Deliberativen Demokratie« basiert auf diesem Ansatz des besseren rationalen Argumentes, das auch schwerer wiegen könne, als die Meinung der Mehrheit. Seine Kritiker warfen ihm vor, dass er mit der geradezu radikalen Fokussierung auf die Vernunft andere ebenso wichtige Bereiche des Seins ausser Acht lasse.

Wir wissen, dass der Mensch nicht allein aus Vernunft handeln kann, sondern Wünsche, Ängste, Bedürfnisse, körperliche Eigenschaften eine genauso entscheidende Rolle spielen – und auch spielen müssen – wie der Verstand. Soziale, geopolitische, ethnische, religiöse und mittlerweile auch ökologische Rahmenbedingungen prägen diese Bereiche maßgeblich mit; aber Vernunft kann Bedürfnis nicht determinieren. Wir erkennen das im Wiedererstarken der Rechten, der Sehnsucht nach Autoritarismus, der missbrauchten Identitätspolitik und dem, was wir faktenbefreiten Diskurs nennen. All das allerdings als Teil der Realität nicht gelten lassen zu wollen, wäre ebenfalls eine Form der Realitätsverweigerung, die jeder Vernunft spottet. Wie also können wir Habermas’ Erbe hochhalten? Vielleicht indem wir erkennen, dass die Aufklärung des 21. Jahrhunderts mit jener des 18. Jahrhunderts nicht mehr so viel gemein hat, wie wir oft hoffen. So wie die Kunst nicht die Wissenschaft erklären wollen darf, darf die Vernunft nicht danach trachten, das Gefühl rationalisieren zu wollen. Versucht sie das, rettet sie uns nicht, sondern führt uns geradewegs in Verderben.

Habermas gehört zu den maßgeblichen Vordenkern unserer Generation. Er hat auf vielen Ebenen verstanden, was in Europa geschehen ist, und dass Europa nach dem Zweiten Weltkrieg zur Wiege der offenen Gesellschaft wurde; vielleicht auch deshalb?Kurz nach dem Ende des Kalten Krieges, als die Welt sich in einem Zustand der Schwerelosigkeit zu befinden schien, erkannte Habermas, dass nicht ein System gegen ein anderes gewonnen hatte, sondern eine völlig neue Ausgangslage geschaffen worden war. Er antizipierte die zu diesem Zeitpunkt entstehenden, noch nicht erfundenen neuen Kommunikationstechnologien und die damit verbundene Veränderung der Medien und ihrer Rolle für die Demokratie. Er war seiner Zeit zwei Jahrzehnte voraus. In seinem Entwurf der „Deliberativen Demokratie“ ebtscheidet nicht mehr zwingend die Mehrheit. Vielmehr hat jede Stimme innerhalb des Diskurses das gleiche Gewicht, denselben Stellenwert. Aus der Jahrtausend alten Geschichte der Demokratie haben wir gelernt, dass nicht die Mehrheit entscheidet, sondern derjenige, der es versteht die Meinung der Mehrheit zu manipulieren. Habermas stellt damit indirekt die Mechanismen der repräsentativen Demokratie, wie wir sie leben, insofern infrage, als dass diese im sich durch die Technologie verändernden Zusammenspiel mit den Medien nicht mehr in der Lage ist, die Prinzipien der offenen Gesellschaft aufrecht zu erhalten. Die Demokratie beginnt sich selbst abzuschaffen. Habermas Auftrag an uns ist dem gegenzusteuern. Aufgrund der technologischen Manipulierbarkeit sind klassische wie neue Medien Teil des Problems. Die Lösung dieses vermeintlichen Paradoxons wird unsere Sicherheit viel entscheidender determinieren, als jede Drohne, Marschflugkörper oder Kampfjet.

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