Über Grenzen

Text für die Veranstaltung „DIE GRENZEN EUROPAS. ANFANG ODER ENDE EINER ERFOLGSGESCHICHTE“ der Waldviertelakademie in der Diplomatischen Akademie in Wien.

Über Grenzen 

Den Atlas müssen wir nicht mehr aufschlagen, um Grenzverläufe zu sehen, ein Blick aufs Handy reicht. Da sehen wir die Linien, die Flüssen folgen, an anderen Stellen Gebirgen, dann wieder schmalen Wegen, die um Felder herumführen, welche von Bauern bestellt werden, auf der einen Seite dieses Land, auf der anderen ein anderes, und an wieder anderen Orten sind sie mit dem Lineal gezogene Striche durch Wüsten oder Wasser.  

Eine Grenze ist eine – letztlich willkürliche – Behauptung. Sie trennt Gebiete von einander ab, sie separiert verschiedene und manchmal auch  unterschiedliche Gemeinschaften. Eine Grenze ist eine erdachte Linie, und sie bleibt ein Gedankenkonstrukt, auch wenn man sie durch eine bauliche Maßnahme manifestieren möchte, einen Zaun, oder eine Mauer. 

Obwohl sie in der zweidimensionalen Darstellung gefangen war, erkennen Forscher heute in manchen Abbildungen in Höhlenden Versuch, Tiere in einer Gruppe perspektivenartig anzuordnen. Knapp 30 Jahrtausende lang begnügten wir uns mit dieser Fähigkeit und fanden es ausreichend, die Größe, in der Objekte und Personen abgebildet wurden, nach der Ihnen beigemessenen Bedeutung zu richten, und nicht nach ihrem tatsächlichen Standort. Die Menschen lebten schon lange nicht mehr Höhlen, und aus dieser Kunst hatten sich hohe Kulturen entwickelt und waren wieder untergegangen, ehe wir im 16. Jahrhundert die Fähigkeit entwickelten, Perspektiven darzustellen. Damit hatten wir ein für alle Mal und unwiderruflich eine Grenze überschritten, wie mit der Erfindung des Rades oder Mondlandung. 

Ich gehöre gerade noch zu der Generation, für die der Fall der Berliner Mauer das vielleicht wichtigste und prägendste Ereignis war. Der Eiserne Vorhang  fiel in einer Zeit, als die Menschen begonnen hatten, sich zu vernetzen, und zwar weitgehend ohne ihre Regierungen um Erlaubnis zu fragen. Die Mauer in Berlin stand für die Abgrenzung zweier Denksysteme, zweier unterschiedlicher Wege, Menschen zu beherrschen. Herrscher brauchen Untertanen, wer ein- und wer ausgesperrt ist, ist immer nur eine Frage des Standpunktes des Betrachters. 

Eine Grenze ist also das Zeichen von Angst, Angst, das eigene Gedankenkonstrukt könnte in Gefahr kommen, die eigenen Ideen, die eigene Art des Herrschens könnte infrage gestellt werden. Eine Grenze, und nicht nur wir Europäer haben das schmerzlich und blutig gelernt, ist immer Symbol des Versagens – und Vorbote eines Untergangs. Noch jedes Reich, das krampfhaft seine Grenzen mit Mauern zu behaupten versucht hat, ist untergegangen, und jeder Einzelne, der an seine Grenzen gestoßen ist, und diese nicht überwunden hat, ist letztlich gescheitert. 

Die Globalisierung birgt viele Gefahren, Menschen haben Angst, und wie ich finde, nicht zu unrecht. Da sind Grenzen hilfreich, denn es sind Gedankenkonstrukte, an die man sich klammern kann, die letzte Hoffnung, die Komfortzone nicht verlassen zu müssen für die einen, für andere sind sie die letzte Fessel. 

Waren reisen heute ungehindert über den Globus, aber Menschen wollen wir daran hindern, während die digitale Vernetzung jeden zu jeder Zeit an jedem Ort der Welt die Worte von jedermann lesen, jedermanns Stimmen hören, und eines jeden Bilder sehen lässt? 

Nach Jahrtausenden blutiger Kriege haben wir in Europa die Grenzbalken abmontiert und jeder kann ungehindert hinreisen, wo er hin will, was für ein Schritt, was für eine Errungenschaft! Trotzdem müssen wir uns bereits wieder täglich gegen die Versuche wehren, aus- oder eingesperrt zu werden, ganz von welcher Seite sie es betrachten wollen. Und immer sind es Herrscher, die uns ein- oder aussperren wollen. Über die letzten Jahre hinweg haben diese Herrscher uns Angst gemacht, wie weiland, als wir noch in Höhlen lebten, haben sie im Licht des Lagerfeuers Bedrohungen an die Wand geworfen, die uns zwar erschaudern lassen, aber allesamt eines nicht haben: Eine Perspektive. 

Gibt es etwas absurderes, etwas dümmeres, als sich selbst aus Angst vor dem Verbrecher im Gefängnis einzusperren? Sind unsere Gedanken so kurz, unser Glauben so schwach und unsere Moral so morsch, dass wir auf diese Rattenfängerei hereinfallen? Oder glauben sie auch nur eine Sekunde, dass ein Orban, ein Salvini oder ein Kickl den dumpfen Unsinn, den sie verbreiten, selbst glauben? Sie wissen besser als ich, dass dem nicht so ist, sie wissen besser, dass es der Machtrausch ist, der solche Herrscher antreibt, und ihre Gier, die vor Zerstörung und der Verbreitung von Schrecken und Angst nicht halt macht. Die Terroristen, meine Damen und Herren, stehen nicht vor unseren Grenzen, sondern in unseren Parlamenten. 

Vor sechs Jahren, als die Flüchtlingskrise als Folge jahrzehntelanger fehlgeleiteter Politik wie eine Wunde aufbrach, die bis heute blutet, produzierte ich gemeinsam mit meinem Mann einen Dokumentarfilm über die Flüchtlingspolitik, für den er die Südgrenze der Europäischen Union bereiste, und der ihn daher auch nach Lampedusa brachte, wo er vor laufenden Kameras ein langes Gespräch mit der damaligen Bürgermeisterin Giusi Nicolini führte, die an vorderster Front mit dem konfrontiert war, wovor man sich in Mitteleuropa gerade zu fürchten  begonnen hatte,  oder besser gesagt den Schatten dessen, den die Erzähler an die Wände unserer Höhlen projizierten.

Das Gespräch war insofern interessant, als dass es nicht in der Benennung der zweifellos unschlüssigen, verlogenen und heuchlerischem Politik, wie sie Europa nun seit Jahrzehnten verfolgt, hängen blieb, sondern dass Frau Nicolini eine Perspektive skizziert hat. Sie sprach über eine Gemeinschaft der Mittelmeerstaaten als eine eigene Union, die unter wirtschaftlichen, ökologischen und humanistischen Aspekten die Länder zur Zusammenarbeit bewegen sollte, denn die Probleme wären gemeinsame in einem gemeinsamen Raum, egal, ob es sich um Umweltverschmutzung oder Migration handle. Eine eigene Union, nicht als Ersatz der EU, sondern als Ergänzung, die aus der vermeintlich harten Südgrenze der Europäischen Union einen fließenden Übergang nach Afrika und in den nahen Osten macht, die Kooperation sucht statt Konkurrenz, Gemeinschaft statt Herrschaft.

Reden sie mit Leoluca Orlando, dem Bürgermeister von Palermo, oder jenem von Neapel, von Pollazzo, oder von einer griechischen Insel, und Sie werden erkennen, dass alle, egal ob sie aus einem konservativen oder progressiven Umfeld kommen, in ähnliche Richtungen denken. Sie alle haben längst erkannt, und zwar schon vor weit mehr als sechs Jahren, dass diese Politik falsch ist, dass sie scheitert, dass sie den Menschen nicht nutzt, sondern schadet. Dass sie keine Perspektive hat. Und sie erkennen das, weil sie ein gemeinsames Fundament für de Bewältigung der Herausforderungen heranziehen, nämlich jenes der Aufklärung und des Humanismus. Das unterscheidet sie, das unterscheidet uns von den Terroristen.

Wenn wir jemanden, der als Einpeitscher bei einem Treffen der rechtsradikalen Identitären am Rednerpult unser Parlament infrage stellt, im Jahr darauf zum Innenminister wählen, dann ist das nicht das Versagen der Politik, sondern das Scheitern der Wähler. 

Wenn jemand, der Italien Straßenzug für Straßenzug von Roma säubern will, zum Innenminister, oder ein Antisemit, der offen ausspricht, dass er die Demokratie abschaffen möchte, wiederholte Male demokratisch zum Staatspräsidenten gewählt wird, dann stoßen wir an die Grenzen unserer Gesellschaften. Früher oder später werden wir sie überwinden, da bin ich mir sicher, wobei uns die Geschichte lehrt, dass „später“ gleichbedeutend ist mit Verfolgung, Verbrennung, Vergasung und Krieg.

Egal, ob die Europäische Union vorübergehend scheitert oder nicht, egal, was ihr über kurz oder lang folgt, wohin sie sich entwickelt, egal, wie sehr sich im Moment die Herrscher noch an ihre Fürstentümer klammern, sie hat eindrucksvoll bewiesen, dass das strikte Konzept der Nation nun langsam aber sicher das Ende seiner Lebensdauer erreicht. Andere Ideen sind tragfähiger, effizienter, menschlicher, wirtschaftlicher, ökologischer. Regionen, die sich vernetzen, verschaffen einander fließende Übergänge und damit dem Einzelnen die Möglichkeit, andere, größere Zusammenhänge zu erleben und andere Verantwortlichkeiten wahrzunehmen. Klimawandel, soziale Probleme, Freiheit, Demokratie, Wohlstand – nichts davon lässt sich heute noch durch hybride Behauptungen ein-, aus- oder abgrenzen. 

Picasso oder Mondrian sind in der Lage, auf Perspektive zu verzichten, weil sie sie virtuos beherrschen, sich ihrer bedienen können. Die Kunst der Darstellung liegt in der Reflexion der Wirklichkeit, in dem In-Beziehung-Treten zu sich selbst und anderen, in der Verdichtung, im Weglassen, im Zuspitzen. 

Wenn unseren Führern die eigene ikonenhaftige Darstellung heute wieder wichtiger ist, als die Perspektive, dann tun sie das nicht als Künstler, sondern weil sie sich in der eitlen Selbstdarstellung suhlen, statt sich mit ihrer Darstellung durch andere auseinanderzusetzen, wenn es ihnen lieber ist, die Dinge so beliebig anzuordnen, wie es ihnen gerade nützlich scheint, so zwingen uns die Fakten zu einer Verantwortung, die wir für die Bewältigung der Herausforderungen unserer Zeit brauchen. Vielfalt ist die Devise, Offenheit und Vernetzung.

Wir sollten uns also nicht fragen, wie wir Grenzen schützen, sondern wie wir sie überwinden können!

Macht Ihnen dieser Gedanke Angst? Ich kann das verstehen. Die Wand der Höhle schützt uns in der Nacht vor dem Blick auf die Weite des Firmaments. Aber sie nimmt uns auch die Möglichkeit, uns an den Sternen zu orientieren. Vor allem aber macht sie uns blind für Ihre Schönheit.

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