Meine Schuhe sind kaputt oder Die sinnlose Aneinanderreihung von Landschaft

Anläßlich des Kinostarts von DER SCHÖNSTE TAG

Privater Tagebucheintrag vom 1. Februar 2019, Landsberg am Lech.

Eine sinnlose Aneinanderreihung europäischer Landschaften zieht an mir vorüber. Dazwischen zu Gedenkstätten herausgeputzte Konzentrationslager. Besucherhorden irren in Grüppchen verloren über den Appellplatz des KZ Dachau. Die Kantine in Mauthausen in ein Fundament aus Beton gegossen, betrieben von der Diakonie. Überall betroffene Schüler, die pietätvoll flüstern, Lehrer, die mit leisen Stimmen dozieren. 

Tausende Kilometer, so viele Bilder, so viele Texte, Vorträge, Gedenkstätten und Museen. Ich stumpfe ab, werde zum Verwalter von Zahlen und Bildern. Ein Schwenk hier, eine Totale da, eine Detail dort. Die Eisblume am Fenster der Baracke im Lager Mauthausen. Ich denke an Aba Lewit, der durch dieses Fenster geblickt, hinter diese Eisblume gefroren hat, 24 Stunden nackt am Appellplatz stand, vielleicht da, wo nun meine Kamera steht. Empathie durch den persönlichen Kontakt, Stellvertreter, die das Ganze niemals sichtbar mach können, immer nur das einzelne Schicksal, den Weg des Individuums. Und immer bedenken, wer überlebt hat, hatte Glück. Glück. Reines Glück. Zufall. Fehler eines Systems. 

Unberührter, harter Schnee in Landsberg am Lech, in dem wir unsere Abdrücke pressen. Meine Winterschuhe sind kaputt. Kaputter Gummi löst sich vom Leder, kleine schwarze Stückchen bröckeln, legen eine eigene Spur in den Schnee. In den Schnee, in dem Herbert Schrotts Vater im Winter 1945 erfroren war. Wenige Wochen später wurde das Lager von den Amerikanern befreit. 

Warum schreibe ich das?

Der Film der amerikanischen Armee über die Befreiung der KZs läuft in meinem Kopf, ich höre die betonungslose Stimme des Sprechers… sehe die Leichenberge und die wenigen verhungerten Juden, di überlebt hatten, wie sie verloren über die Appellplätze der Konzentrationslager irren, Skelette, überzogen mit lederner Haut; Augen, die mich aus der Hölle anstarren. Und dann die feisten deutschen Bürger, die von den Amerikanern durch die KZs getrieben wurden, damit sie sehen, woran sie mitgewirkt hatten – wissentlich, unwissentlich, was macht den Unterschied? Manche schauen betreten zu Boden, andere tun nur so. Wieder andere blicken in die Kamera, ich meine, sie unterdrückten ein  Lächeln. Sie wussten es. Alle wussten es. 

Der Chef der Gedenkstätte Landsberg am Lech erzählt mir, das Lager sei, wie heute noch, von der Landstraße gut einsehbar gewesen, die Schickeria aus Landsberg war zu Konzerten im Lager eingeladen, in Sommerkleidern seien die Damen gekommen, herausgeputzt und mit großen Hüten.

Alle wussten es. Eine Masse hatte sich zum Töten entschieden, demokratisch legitimiert. Das Individuum ohne Chance, und doch jeder Einzelne mitverantwortlich. 

Ich filme den Blick auf das Lager, schwenke von der Straße auf die halbrunden Betonbaracken, über die sich der Schnee wie ein Tuch gelegt hat. 

Mir ist schlecht. Und meine Schuhe sind kaputt.

DER SCHÖNSTE TAG

In diesen Tagen startet mein neuer Kinofilm „Der Schönste Tag“ in den heimischen Kinos, begleitet von einer ganzen Reihe von Sonderveranstaltungen.

Am Mittwoch, 26. Jänner 2022, gibt es bereits eine Preview im Cinema Paradiso in St. Pölten. Nach der Vorstellung sprechen die Historikerin Heidemarie Uhl, Christian Rapp vom Haus der Geschichte NÖ und ich über „Antisemitismus Heute“. Beginn: 19:30.

Karten: https://www.cinema-paradiso.at/st-poelten/filminfos/film4748/

Anläßlich des World Holocaust Day am Donnerstag, 27. Jänner 2022 findet dann die ÖSTERREICH PREMIERE in Zusammenarbeit mit dem Psychosozialen Zentrum  ESRA statt. Neben vielen tollen Gästen erwarten wir auch Protagonisten des Films. Den Abend moderiert Doron Rabinovici.

Beginn: 19:30 im Stadtkino im Künstlerhaus in Wien. Karten: https://cine.ntry.at/s/13451941


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