Gedanken

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Die letzten Jahre waren herausfordernd. Die letzten Tage werden zu einem apokalyptischen Szenario. Die Ukraine, Aserbaidschan, Iran, Israel – befinden wir uns schon in einem neuen Weltkrieg, oder braucht es noch einen letzten Funken, wie etwa eine unbedachte Bewegung im Kosovo? 

Vielen von uns gehen die Entwicklungen an die Nieren. Jeder fragt sich, was können wir tun, um die multiplen Eskalationen zu stoppen? Wer aber fragt sich, was haben wir verabsäumt, dass dieser Schrecken nun aufbrechen kann wie eine eitrige Wunde?

Dabei geht es in diesem Moment weder um Schuld noch um Recht, sondern allein um Menschlichkeit. Der Humanismus, mit dem wir versuchen, unseren Teil der Welt zu gestalten, ist zweifellos erodiert. Der bedrohlichste Feind befindet sich aber immer in den eigenen Reihen. 

Die Nächte sind quälend und der Schlaf ist unruhig. Was wir fühlen, manifestiert sich in den eiligen Reisen der mächtigsten Anführer, wenn ganze Flottenverbände unterwegs sind, wenn Waffen geliefert werden, als gebe es keine Morgen. Wollen wir ein Morgen hoffen, aber reicht die Hoffnung? 

Heute zählt nicht, wer einen Krieg begonnen hat, aber nur die Frage, wie er beendet werden kann. Vollkommen unbedeutend ist, wer das Spital in Gaza bombardiert hat, sondern nur, wie wir den Opfern helfen können. Die Überheblichkeiten ist fehl am Platz und sie ist unerträglich, die intellektuellen Kapriolen, mit denen wir in Reih und Glied gezwungen werden, uns Zugeständnisse abgerungen werden, die uns zu Kriegsparteien machen, anstatt Gewalt zu unterbinden. Jeder hat seine Moral, jeder seine Geschichte. Ungeachtet dessen rechtfertigt keine Gewalt weitere Gewalt. 

Staatsoberhäupter, die von Zeitenwenden und Bedingungslosigkeiten sprechen, die Alternativlosigkeit behaupten, machen uns Angst. Längst haben sie die Kontrolle verloren über die eigenen Werte und zweifellos über sich selbst. Eine Kleingartensiedlung führen zu können, befähigt nicht, Nationen zu regieren. 

Die Wut der Israelis kocht, und weiß Gott, es ist ihnen nicht zu verdenken. Die Wut der Ukrainer kocht, die Wut der Palästinenser kocht, und weiß Gott, es ist ihnen nicht zu verdenken, die Serben sind wütend und die Kosovaren. Die Freiheit der einen ist bedroht durch die Freiheit der anderen, und dazwischen stehen wir Menschen, und werden erschlagen von vermeintlichen Freiheiten. Seit Jahrzehnten führen wir Kriege im Namen der Freiheit, wir führen Kriege gegen den Terror, an deren Ende der Terror stärker ist als je zuvor, weit über vierzig Jahre Kriege gegen den Terror und am Ende regieren die Terroristen ganze Nationen? Zeigen wir einmal nicht mit dem Finger auf die anderen, die immer an allem Schuld sind. 

Nach vier Jahrzehnten Krieg haben „wir“ Afghanistan kopflos verlassen, die Frauen und Kinder, die Männer im Stich gelassen, die an unsere Vorstellung von Freiheit geglaubt haben. Sie werden heute gesteinigt dafür. Und die, die von dort fliehen, werden bei uns abgewiesen, und schaffen sie es dennoch, unsere Freiheit zu erreichen, sprechen wir ihnen diese Freiheit ab. Nicht genug damit, stempeln wir sie deswegen zu Verbrechern – und merken nicht, dass wir uns selbst damit zu Illegalen erklären, die wir diese Freiheit alleine für uns beanspruchen. Dann liegen wir schlaflos, starren an die Decke und wundern uns, was nur aus den Menschenrechten geworden ist.

Den Arabische Frühling haben wir bejubelt, wir haben den Menschen Mut gemacht, aufzustehen. Und sie sind aufgestanden! Und dann haben wir uns weggedreht, als ginge es uns nichts an. Als Syrien in Schutt und Asche lag, haben wir das Land und seine Menschen  Assad und Putin überlassen – ohne mit der Wimper zu zucken. Und die Menschen, die von dort geflohen sind, sind uns lästig wie Kot an der Sohle. Längst finden wir uns widerspruchslos damit ab, dass unsere Regierungen – im Namen der Freiheit und der Demokratie – die Menschen im Meer ertrinken oder in den Wüsten verdursten lassen. Welche Wut würde wohl in jedem von uns schlummern, müsste eine oder einer der Unseren auf so eine Art sterben, welche unsägliche Wut würde sich gegen jene aufbäumen, die sie retten hätten können und das bewusst unterlassen haben? Und diese Wut führt zu Hass. 

Gerne hätten wir heute einen, den wir verurteilen könnten, und gerne hätten wir die Macht, ihn wegzusperren oder an ihm ein Exempel zu statuieren. Wie gerne würden wir mit einer Spezialeinheit nachts in sein Schlafzimmer eindringen, ihn im Schlaf erschiessen und anschließend ins Meer werfen, ohne Gerichtsverhandlung, wozu brauchen wir da noch einen Rechtsstaat, wenn die Schuld ohnehin klar ist? Wozu brauchen wir Vernunft und rationale Entscheidungen, wenn uns mit Inbrunst vorgetragene Lügen genügen, um jahrelange Kriege zu führen, die wir – jeder einzelne von uns – bezahlen? 

Es gibt die kollektive Schuld, allein es fehlt das kollektive Schuldbewusstsein. War Österreich selbst nicht vor wenigen Jahrzehnten aktiver, führender Teil eines Terrorregimes? Genau desselben Terrorregimes, das vor 10 Tagen hunderte Menschen entführt und Kinder geköpft hat? Haben unsere Schergen nicht jüdische Kinder in die Gaskammern getrieben, nicht Dutzende, nicht Hunderte, nicht an einem Tag oder einer Woche, sondern über Jahre und zu Millionen? 

Nie wieder heißt nicht, dass man Gewalt mit Gewalt beantwortet, nie wieder bedeutet, das es unsere Aufgabe ist, die Gewalt zu verhindern, ehe sie ausbricht. Nicht der Krieg, sondern die Zusammenarbeit mit den Völkern, Menschen und ihren Kulturen ist unsere Aufgabe, nicht mit ihren unfähigen Führern, die uns dazu aufstacheln, uns gegenseitig als Terroristen zu bezeichnen. Mit sophistischen, aber nicht minder inhaltsleeren Winkelzügen argumentierten sie vor einem gelähmten Publikum. 

Die heute behaupten, unsere Freiheit und unsere Demokratie zu verteidigen, fordern bedingungslose Gefolgschaft beim Unterbinden der Verständigung von Kulturen und Völkern, die die einzige Basis für einen ohnehin fernen Frieden sind? Welche Freiheit und welche Demokratie sind da wohl gemeint, wenn von Links und Rechts, Oben und Unten Standpunkte, Meinungen, Haltungen und auch Bauchgefühle nicht mehr ausgedrückt, ausgetauscht und gegenübergestellt werden können, sondern verurteilt wird, wer sich nicht dem Dirigismus schwacher Regierungen ergibt? Ein öffentlicher Diskurs, der vermeintliche Fakten behauptet, aber Emotionen auslässt, ist leeres und am Ende unnützes Geschwätz. Die schwächsten Regierungen von Demokratien sind jene, die den Dirigismus benötigen, um ihren Machtanspruch zu behaupten.

Wenn wir diesen großen Krieg noch verhindern wollen, an dessen Vorabend wir heute stehen, dürfen wir nicht in Waffen, sondern müssen in Frieden investieren – in Aussenpolitik und Diplomatie, in Friedensforschung und Konfliktlösung. 

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