Die Opferthese oder wie ein politisches Behelfskonstrukt zur Selbstdefinition einer Nation wird

Im Sockel des erst im Jahr 2000 errichteten Shoah-Mahnmals am Wiener Judenplatz sind die Namen von 45 Orten auf dem Gebiet des gesamten Deutschen Reichs, in denen sich Konzentrationslager befanden, eingraviert. Zusammen mit ihren Nebenlagern zeigt sich eine flächendeckende Vernichtungsindustrie, wie sie nur unter Mitwirkung der gesamten Bevölkerung möglich gewesen sein kann.

Als im Oktober 1943 die späteren Siegermächte in Moskau zusammenkommen, war die Deutsche Wehrmacht bereits in der Schlacht um Stalingrad geschlagen worden. Auch den deutschen Generälen und Politikern ist zu diesem Zeitpunkt klar, dass Hitlerdeutschland den Krieg verlieren wird. Dennoch beginnt die industrielle Ermordung von vielen Millionen Jüdinnen und Juden.

Für das Nachkriegsösterreich ist die aus dem Treffen der Siegermächte resultierende »Moskauer Deklaration« von zentraler Bedeutung. Im Kapitel » Regarding Austria« wird festgeschrieben, dass die Nation nach Ende des Krieges in ihren Grenzen von vor 1938 wiederhergestellt werden soll. Als Voraussetzung dafür soll Österreich aber seinen eigenen Beitrag zu seiner Befreiung leisten. Um diese Forderung stellen zu können, findet die Deklaration die Formulierung, dass »Österreich das erste Opfer einer militärischen Aggression Hitlerdeutschlands« gewesen sei.

Mit dem »eigenen Beitrag zu seiner Befreiung« war der österreichische Widerstand gemeint. Die österreichische Diktatur » nach faschistischem Vorbild« (1934–38) hatte die meisten Widerstandszellen jedoch schon vor dem Anschluss grundlegend geschwächt. Als danach auch noch die wenigen und vergleichsweise harmlosen bürgerlichen Widerstandskämpfer eingesperrt wurden, waren einstmals verfeindete politische Lager in den Gefängnissen vereint und beschworen den »Geist der Lagerstraße«. Diese Verbindung trägt zwar nach Kriegsende zu einer raschen Staatsgründung bei, aber der österreichische Widerstand war mit einer Résistance in Frankreich nicht vergleichbar und konnte weder strategisch noch operativ einen militärischen Beitrag zur Befreiung leisten.

Unmittelbar nach Kriegsende wird aus der Semantik der Siegermächte in Österreich das Narrativ »vom ersten Opfer Hitlerdeutschlands« gedichtet. Der Satzteil »[erstes Opfer] einer militärischen Aggression« wird innenpolitisch geflissentlich weggelassen – wohl auch deswegen, weil jeder weiß, dass Hitlers Einmarsch im März 1938 keine militärische Aggression, sondern vielmehr eine von der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung lang ersehnte Vereinigung in einem großen Deutschen Reich vollzogen hatte.
Tief verfeindete politische Lager hatten bereits in den 1920er-Jahren die Gesellschaft in eine unüberwindbare Polarisierung getrieben, die zu bewaffneten Auseinandersetzungen und letztlich in die Diktatur geführt hatte. Das Bewusstsein darüber prägt nach Kriegsende den auf Konsens ausgerichteten politischen Diskurs, der erst mit der Jahrtausendwende wieder abhandenzukommen droht.

Die Erinnerungs- und Gedenkkultur lässt außer Acht, dass die Demokratie der Ersten Republik nicht erst 1938 dem Einmarsch Hitlers zum Opfer gefallen war. Unter dem Kruckenkreuz-Banner sind Opposition und freie Medien verboten, die ohnehin wankende Wirtschaft schlittert in den Abgrund. Die österreichische Bevölkerung leidet Hunger. Als Schuschnigg Anfang 1938 zu Hitler auf den Obersalzberg pilgert, hat er in der Bevölkerung längst keinen Rückhalt mehr. Die Schlussworte seiner letzten Radioansprache »Gott schütze Österreich« wirken larmoyant, die einsame Geige, die die Bundeshymne spielt, wird bereits vom Jubel über den Anschluss übertönt. Viele Quellen beschreiben die rassistische Stimmung und den Willen der Österreicherinnen und Österreicher zum Nationalsozialismus. Carl Zuckmayer etwa vergleicht die Vorgänge dessen, was sich in Wien in den Tagen vor und während Hitlers Einmarsch abspielt, mit einem apokalyptischen Gemälde von Hieronymus Bosch, in dem die Hölle ihre Pforten öffnet. Wie Bestien jagen die Österreicherinnen und Österreicher Juden, Roma, Sinti und andere. Nachbarn denunzieren Nachbarn, das Volk lebt den verinnerlichten Glauben an die rassische Überlegenheit wie in einem Rausch aus. Drei Monate später sind die meisten Gemeinden in Österreich judenfrei.

All das passt nicht in die Opfererzählung, an der sich Österreich nach Kriegsende aufzurichten versucht. Die Formulierung, dass zwar viele Österreicherinnen und Österreicher Täterinnen und Täter waren, aber der Staat Österreich Opfer gewesen sei, ist dabei ein kühnes Konstrukt. Die Gedenkkultur in Österreich ringt sich erst nach vielen Jahrzehnten dazu durch, alle Opfergruppen wahrzunehmen, und manchmal werden diese auch politisch benutzt und vereinnahmt. Überschattet von der »Opferthese« und mithilfe bemerkenswerter semantischer Kapriolen drückt sich Österreich bis heute vor dem schlichten Bekenntnis:

Das erste Opfer des Nationalsozialismus war die jüdische Bevölkerung.

Ein Gedanke zu „Die Opferthese oder wie ein politisches Behelfskonstrukt zur Selbstdefinition einer Nation wird

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