Das schiefe Denkmal

Das schiefe Denkmal

„Es war, als hätte die Hölle ihre Pforten geöffnet“, schrieb Carl Zuckmayer über die Ereignisse, die sich in Wien Mitte März 1938 zugetragen hatten, und verglich die Szenerie mit einem apokalyptischen Hieronymus Bosch Gemälde.

Es ist ein scheinbar dem Durchschnitt entsprechender junger Mann, der einen Juden anspuckt, am helllichten Tag, Mitten in der Innenstadt von Wien, im Juli 2026. Das Gesicht des Täters wird vom Sender unkenntlich gemacht, um seine Persönlichkeitsrechte zu wahren. Wieder einmal holt uns unsere Vergangenheit ein, wie an nahezu jedem Wahlsonntag, vor dem Lueger Denkmal, bei den From-the-river-to-the-sea Demos, der Schändung von Fotoinstallationen im öffentlichen Raum, Anschlägen auf Synagogen und jüdische Friedhöfe. Vergangenheit lässt sich nicht totschweigen.

Lueger war zur Jahrhundertwende Bürgermeister von Wien. Der Erste Weltkrieg kam der bereits in den 1910er Jahren geplanten Errichtung des Denkmals in die Quere. Ein Vielvölkerstaat taumelte aus Langeweile und in grenzenloser Selbstüberschätzung in einen verheerenden Krieg, der schlußendlich in den Holocaust führte. In der politisch heiß umkämpften Zwischenkriegszeit wurde die Statue des christlich-sozialen Politikers doch errichtet. Wenige Jahre später brannte der Justizpalast, die christlich-soziale Partei putschte die Demokratie in eine Diktatur, ein brutaler Bürgerkrieg tobte in Wien. Gefängnisse waren mit Regimekritikern überfüllt. Der mediokre larmoyante Schuschnigg trieb Österreich in den wirtschaftlichen Ruin. Der Weg für Hitlers Triumphzug war geebnet, der Holocaust vorbereitet.

Das Neigen des Denkmals hat viele Proteste ausgelöst. Der jüdische Künstler Alon Ishay hat mit seiner Aktion seinen Standpunkt kundgetan. Er fordert, wie viele andere auch, den Abriss des Denkmals und die Umbenennung des Platzes. Das ist nachvollziehbar. Aber wäre es tatsächlich der richtige Weg, so zu tun, als gäbe es die Last dieses Erbes nicht, indem man es aus der Öffentlichkeit verbannt und ins Verschweigen drängt?

https://orf.at/av/video/onDemandVideoNews87294

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