Die Marionette und der Präsident

Die Marionette und der Präsident

Nach der Ö1 Gedanken Sendung, die letzten Sonntag ausgestrahlt wurde und in der ich über Narrative, Kommunikation und Aufarbeitung des Holocaust sprechen durfte, hat mich ein freundlicher Mann telefonisch kontaktiert, um mit mir über die Sendung zu reden. Wir vereinbarten kurzerhand ein Treffen vor der heutigen Matinee von „Der Schönste Tag“ im Künstlerhaus, da wir beide das Gespräch nicht am Telefon führen wollten.

Der Mann, weißhaarig und schlank, trug unter einem dunklen Mantel einen gelben Pullover, über dem eine lange Kette mit Kreuz und einigen Heiligenemblemen baumelte und ich fragte mich, ob er etwas mit der Kirche zu tun haben könnte. Kaum hatten wir Platz genommen, nahm er einen handschriftlich verfassten Zettel aus seiner Tasche und legte zwei DVDs mit den Titeln »Vaxxed« und »Vaxxed 2« auf den Tisch, die er mir offenbar mitgebracht hatte. Übles ahnend fragte ich ihn, ob er geimpft sei. Er meinte, er sei gesund, wollte die Frage übergehen und begann mit „Die wissenschaftlichen Fakten…, die selbst von der Vorsitzenden der..“ – ohne zu zögern setzte ich die FFP2 Maske wieder auf und teilte ihm mit, dass ich an diesem Gespräch kein Interesse hätte. Ich sei davon ausgegangen, dass er zum Thema meines Films mit mir sprechen wolle. „Ja, aber es geht doch um den Holocaust!“ erwiderte der Mann verwundert, während ich bereits die Türe öffnete und in die milde Februarsonne trat. »Unerhört«, rief er mir nach, »wie hier wissenschaftliche Fakten mit Füßen getreten werden!« 

Holocaust, dachte ich, wie leer klingt dieses Wort aus dem Mund jener, die aus Familien stammen, die an der industriellen Vernichtung der Juden beteiligt waren, vielmehr noch, sie geplant und eigenhändig durchgeführt hatten. Was läuft schief in dieser Gesellschaft, in diesem Land, fragte ich mich – nicht zum ersten mal. Wie hinterhältig ist der Spin der Nationalsozialisten rund um Herbert Kickl, rund um die nationalsozialistisch geprägte FPÖ und deren Vorfeldorganisationen. Sie benutzen die Ängste und Unsicherheiten der Menschen, um den von ihren politischen Ziehvätern verübten Holocaust zu relativieren, zu verharmlosen – ungeschehen zu machen, um die Toten abermals zu ermorden. Indem sie den Verunsicherten und Ängstlichen sagen, sie seien verfolgt, wie einst die Juden, beginnen sie die Erzählung, die behauptet, dass es den Juden damals nicht anders ging als den Ungeimpften heute. Sie machen die Täter zu Opfern – und nehmen den Opfern dadurch, was ihnen angetan wurde. Die Söhne und Töchter der Mörder von 6 Millionen Juden wollen sich so ihre gesellschaftliche und politische Legitimation zurückholen, die sie sich vor hundert Jahren auf dieselbe, miese Art erschlichen haben.  

Als ich über den Karlsplatz Richtung Café Museum spazierte, zweifelte ich, ob es richtig gewesen war, einfach aufzustehen und zu gehen? Wenn man klare und unmissverständliche Grenzen zeigt, grenzt man aus. Tut man es nicht, leistet man nicht nur dem Unsinn, sondern in dem Fall auch der widerlichsten Ausgeburt des Antisemitismus Vorschub. Warum, fragte ich mich, benennen wir einen Herbert Kickl, einen Strache, einen Haider nicht als Nationalsozialisten, warum drohte uns dafür auch heute noch Strafe, und selbst ohne Strafe: was würde es verändern?

So kommen wir immer wieder zurück an den Start. Die Nationalsozialisten – und ich verweigere an dieser Stelle bewusst das Wort »Neonazis« – machen sich heute erfolgreich die Ängste Menschen zunutze, um politische Herrschaft zu erringen. Wenn wir die Täter heute namhaft machen wollen, dann dürfen wir nicht mit dem Finger auf die Orientierungslosen, die Verängstigten und die Verunsicherten zeigen, denn das treibt sie in der Hände der Radikalen. Gleichzeitig müssen wir diese kleine Gruppe für die Ängstlichsten unwählbar machen. Daran scheitern wir seit Dekaden. Gesetze und Verbote taugen dafür sicher nicht, denn sie bewirken das Gegenteil. Die größte Gefahr für die Demokratie ist die Demokratie selbst, und gleichzeitig ist die beste Waffe zur Verteidigung: Unser Ziel muss es sein, die Bewahrer des Nationalsozialismus endlich aus unseren Rathäusern, Landtagen und dem Parlament zu verdrängen. Verbote sind das falsche Mittel, genauso wie Regierungsbeteiligungen. – Beides hat unsere Geschichte hinlänglich bewiesen! 

Wieder zweifelte ich, ob es richtig gewesen war, heute Vormittag einfach aufzustehen und zu gehen, und gleichzeitig sehe ich mich außerstande, eine andere Antwort zu finden, mit der ich leben könnte. Was ist der Unterschied zwischen einer und vierzigtausend Marionetten?  


Bei der Vorstellung von DER SCHÖNSTE TAG war der Herr im gelben Pullover freilich nicht mehr anwesend. Knapp zweihundert Zuschauer füllten das Stadtkino an diesem Sonntagmorgen und sie lauschten dem Gespräch zwischen Doron Rabinovici, Barbara Staudinger, Katharina Stemberger und unserem Bundespräsidenten a.D. Heinz Fischer. Viel habe sich getan seit 1945, sagte Fischer, und längst nicht genug. Wichtig sei ihm eine immer ausgewogene Betrachtung und Beurteilung – denn nur diese würde uns befähigen, klar gegen die Radikalität aufzutreten.

Im Anschluss besuchten wir mit unseren Gästen das nahe Café Museum. Wie auch zuvor im Kino wurde der hier 2G Nachweis kontrolliert. Auch vom Bundespräsidenten a.D., der diesen auch mit sichtlicher Freude präsentierte.  

Mein Wien.  

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