Engel auf der Spielzeuginsel

Engel auf der Spielzeuginsel

Im Schritttempo geht es auf einer schmalen Fahrbahn zwischen halbhohen Steinmauern hinter einer Herde weißer Kühe her, die auf dem Weg zu ihrer Weide sind. Viel schneller fährt man auf der Insel sonst auch nicht und trotzdem sind die Wege in einem Tag erkundet. Die Insel ist zwar vulkanischen Ursprungs, aber selbst kein Vulkan. Das unterscheidet sie vom Rest des Archipels genauso deutlich wie ihre weit südlichere Lage. In den steileren Gegenden um den Pico Alto, dem einen hohen Berg, finden sich terrassenförmig angelegte Anbau- und Weideflächen. Kleine Landwirtschaften, die sich über die Hügel und Senken hinweg verteilen, verwandeln die Insel in eine Spielzeuglandschaft, die eine heile Welt fernab der Hysterie behauptet. Majestätisch überblickt der Farol de Gonçalo Velho die Weiten des Wassers im Süden, während oben im Norden noch die letzte Dünung der abgezogenen Stürme einem winzigen Ort anbranden lässt, der den Namen »Anjos« trägt, »Engel«. 

Der rote Stift, mit dem der Weg der Europa auf dem »Übersegler«, der großen Karte des Atlantik, eingezeichnet wird, muss erneuert werden. Bei der Gelegenheit findet sich in dem Papiergeschäft letzten Endes doch eine kleine Auswahl an Emblemen für die »Galerie der schönsten Inseln«. Die beiden großen Supermärkte daneben versorgen die rund fünfeinhalbtausend Einwohner mit allem, was sie brauchen. Von der Kirche herunter kommt eine Gruppe Volksschulkinder, denen zwei Lehrerinnen offenkundig die Geschichte der Insel vermitteln. Gerade als der Verdacht entsteht, vielleicht an einem Ort ohne China – Shop angekommen zu sein, tut sich der »Hipermarket Santa Maria« hinter einem unscheinbaren Portal auf, wo sich der Geruch von Kunststoff, Haushaltswaren und Kunstfaserkleidung mit Reinigungsmitteln, Werkzeug, Barbiepuppenplagiaten und Glühbirnen vermischt, kurzum mit all den praktischen Kleinigkeiten, die auch der Europa auf ihrer weiten Reise verlässlich gute Dienste erweisen.

»Ja.«, antwortet der junge Mann vom Autoverleih, »Ich lebe in Vila do Porto.«. Nach einer kurzen Pause fährt er ungefragt fort: »Die Insel bietet meinem Leben Qualität.« Dann breitet das Meer ein seidenes Tuch immer weiter nach Süden aus, nur an wenigen Stellen kräuselt sich die Oberfläche in einem leichten Luftzug.

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