Zukunft der Filmschaffenden

Anläßlich einer Veranstaltung der Arbeiterkammer und des Dachverbands der Österreichischen Filmschaffenden am 13. November 2017.

S.g. Damen und Herren! 

Zuerst möchte ich mich im Namen aller Filmschaffenden bei unserem Gastgeber, der Arbeiterkammer, herzlich bedanken, dass diese Veranstaltung heute in dieser Form möglich ist. Vielen Dank. 

Ich habe vor knapp 5 Jahren meine Tätigkeit in der Interessenvertretung begonnen, als ich in den Vorstand der Verwertungsgesellschaft der Filmschaffenden gewählt wurde, also jener Genossenschaft, deren Aufgabe es ist, die Urheberrechte ihrer Bezugsberechtigten zu wahren. 

Wie vielleicht manche hier nicht wissen, stellen die Verwertungsgesellschaften 50% der Tantiemen, die sie im Namen ihrer Bezugsberechtigten im Inland einheben und an diese verteilen, in sogenannten SKE Fonds zur Verfügung – und zwar für soziale und kulturelle Zwecke. Das ist die Hälfte dieses Einkommens jedes Urhebers vor Steuern. Ich erwähne das, weil es eine solidarische Leistung ist, die zumindest mir nur aus der Kunstbranche im weitesten Sinne in dieser Form bekannt ist, und sonst aus keiner anderen.   

Die Verwertungsgesellschaft der Filmschaffenden betreibt aus diesen Mitteln unter anderem einen Sozialfonds, bei dem Kollegen Unterstützung erhalten, wenn sie in prekäre Lebenssituationen geraten, aus welchen Gründen auch immer. 

Als wir im Vorstand feststellten, dass sich die Zahl der Ansuchen auf Lebenskostenzuschuß in zwei aufeinanderfolgenden Jahren jeweils verdoppelt – insgesamt also innerhalb von zwei Jahren vervierfacht hatte, sind bei uns die Alarmglocken losgegangen, und wie wohl jeder von uns eine mehr oder weniger diffuse Ahnung davon hatte, woran das liegen könnte, blieben diese Ahnungen doch bloß Vermutungen. 

Wir haben darauf hin gemeinsam mit dem Dachverband der Filmschaffenden beschlossen, die erste Studie zur sozialen Lage der Filmschaffenden in Österreich bei der L+R Sozialforschung in Auftrag zu geben. 

Eine überaus große Beteiligung der ganzen Branche quer durch alle Berufsgruppen, vom Maskenbild bis zur Regie, vom Drehbuch bis zur Lichttechnik, von der Produktionsleitung bis zum Szenenbild zeichnet ein dramatisches Bild einer Lebensrealität, mit der wir uns heute auseinandersetzen wollen. 

Wie wohl wir hier nur für die Filmschaffenden reden können und wollen, so bin ich doch der Meinung, dass sich nicht wenige Arbeits- und Lebenswelten in eine Richtung bewegen, wie wir sie in der Filmbranche schon seit Jahrzehnten kennen – Stichwort Arbeitszeitflexiblisierung – und deren Auswirkungen wir nun auch auf Grund der in der Studie erhobenen Faktenlage beurteilen können. Anna Maria Kollmann hat es bereits gesagt: Prekariat, Fragmentierte Sozialversicherung, Unvereinbarkeit von Beruf und Familie. 

Ich erwarte mir von der heutigen Veranstaltung keine Retrospektive, keine Schuldzuweisung und auch keine Aufarbeitung von Regelungen, die man vor Jahrzehnten aus damals vielleicht guten Gründen getroffen hat. Ich erwarte mir auch keine endgültigen Lösungen. Was ich mir allerdings erwarte, sind maßgebliche Impulse, mit denen wir in der Folge – gemeinsam und aus uns selbst heraus und mit Hilfe unserer Vertretungen, gerade auch der Kammern – zusammen mit Experten einen gesetzesfähigen Vorschlag für eine branchenspezifische Sozialversicherungslösung erarbeiten können. 

Die Ausgangslage ist klar. 

Wir alle sind uns einig, dass wir in der Nacht von Samstag auf Sonntag ein Gnu beim Schlüpfen filmen wollen, ohne dass sich deshalb der Produzent strafbar macht! 

Und glauben Sie mir, die Filmschaffenden geben alles, um genau dieses Gnu beim Schlüpfen zu filmen, weil sie ihren Beruf mit großer Leidenschaft, Hingabe und Einsatz ausüben. 

Auf der anderen Seite muss sich die geleistete Arbeit aber in einer fairen und angemessenen Form in Sozialversicherungszeiten und -ansprüchen abbilden, was heute definitiv nicht der Fall ist. 

Es ist eine unabdingbare Realität, dass eine große Mehrheit der Filmschaffenden sowohl selbstständig als auch unselbstständig tätig sein muss, um überleben zu können. Dieser Umstand stellt in unserem Sozialversicherungssystem aber die Höchststrafe für einen Erwerbstätigen dar.


Ich will daher diese Situation, gerade auch im Kontext der aktuellen innenpolitischen Perspektive, zum Anlass nehmen, um die Chancen einer funktionierenden Interessenvertretung und einer funktionierenden Sozialpartnerschaft zu unterstreichen. 

Dass das tradierte Bild des Klassenkampfes überholt und unzutreffend ist, brauche ich Ihnen nicht zu erläutern. 

Wenn wir aber die sozialen Probleme der »kleinen« nationalen Filmbranche als Laborversuch der Arbeitszeitflexibilisierung erkennen, dann können wir daraus eine Menge für die Herausforderungen ableiten, die bald viele andere Bereiche unserer Arbeits- und Lebenswelt betreffen werden. 

Globalisierung und Automatisierung sind irreversible Fakten. Die Diskussion darüber, ob uns das gefällt, halt ich für müßig.

Lassen sie mich also die Vision einer Zusammenarbeit skizzieren, deren Ziel nicht bloß die konsensuale Einigung zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern ist, sondern die sich als Instrument versteht, diese beiden Gruppen, die heute – anders als früher, und besonders in der Filmbranche – im selben Boot sitzen, gegen die Bedrohung jener großen internationalen Konzerne zu schützen, die sich überall die Rosinen rauspicken und vor jeder Verantwortung drücken, in unserem Fall die großen Sender und Internetplattformen. 

Das Handwerk des Filmschaffens und die Kunst des Filmemachens lassen sich von einander nicht trennen. Filmemachen ist kein linearer Prozess. Die klassische Unterscheidung zwischen selbständiger und unselbstständiger Arbeit wird in unserer Branche immer grob fehlerhaft sein. 

Wir arbeiten in der Filmbranche im Regelfall nach einer im Kollektivvertrag geregelten 60 Stunden Woche, welche entweder in 5 x 12 Stunden oder 6 x 10 Stundentage aufgeteilt werden kann. Die Studie zeigt, dass in vielen Berufen die tatsächliche Wochenarbeitszeit nicht selten jenseits der 80 Stunden liegt. – Kennen Sie einen Kindergarten, der solche Arbeitszeiten abdeckt? 

Und ich denke Sie verstehen auch, dass aus so einer Arbeitswoche nicht nur eine Woche Sozialversicherung resultieren kann, Stichwort Pension und Arbeitslosigkeit.

Die Empathie der Filmschaffenden ist der fruchtbare Boden, auf dem die unbestreitbar bemerkenswerten internationalen Erfolge des österreichischen Films wachsen. 

Nicht nur der Erhalt, sondern sogar die Förderung dieser Leidenschaft muss unser Ziel sein, und zwar ohne dass daraus Altersarmut, Kinderlosigkeit und Armutsgefährdung resultieren. Naja, und konkurrenzfähig müssen unsere Filmproduktionen auch sein. 

Leicht ist das nicht. 

In diesem Sinne hoffe ich auf eine interessante und inspirierende Diskussion, oder anders ausgedrückt: Möge die Übung gelingen und das Gnu schlüpfen!  Danke!

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