Was geschwiegen werden soll

WAS GESCHWIEGEN WERDEN SOLL
oder
CHRONOLOGIE DES APRIL.
Nahe Zukunft, kein Geheimnis,
Bilder klar gestochen scharf,
Wie das Kalkül.
Ohne Taten handeln,
Mut zur Feigheit,
Hingesehen und weggeschaut an diesem 17. April.
Habt Angst!
Und Ängste haben wir.
Aus Furcht die Angst der Hass.
Aus Hass der Tod.
Mädchen zur Seite gedreht,
In diesem blauen Meer,
Rosa Kleid und grüne Hose,
Drei Jahre, Keine Schuhe,
Kopf unter Wasser, 18. April.
Schuld?
Die Anderen.
Wir, die Bedrohten.
Wir, die Überrannten.
Wir, die Opfer.
Die Anderen.
Die, die Schlepper.
Die, die Geschäftemacher.
Die, die Pflichtversäumer.
Würdevolles Schweigen,
Zu große Bühne, Vorhang auf:
Betroffenheit, So-tun-als-ob,
Jämnerliche Schmiere,
Die Leichen nicht vergraben, schon der Totentanz.
Eitler Reigen.
Nie wieder,
Wieder und zu oft gelogen,
An diesem 23. April.
Selber Schuld.
Sie, die Illegalen.
Sie, die Irregulären.
Sie, die Fremden.
Sie, die Toten.
Roter Teppich
Für Vierundzwanzig von Neunhundert,
Vierundzwanzig Eichensärge,
Trauermarsch.
Festakt im Plastikzelt,
Staatsmännlein aus der zweiten Reihe,
Diese Reise nicht mehr lohnend
Für Präsidenten oder Päpste.
Endlos 23. April.
Sprachloses Geschwätz.
Da muss man das,
Da muss man mehr,
Deswegen kann man nicht,
Wer soll das bezahlen?
Ergo.
Keine Anderen, keine Schuldigen.
Keine Boote, kein Ertrinken.
Keine Flucht, kein Tod.
Kein Weg, kein Wanderer.
Brillante Logik großer Denker.
Genug empört, Pause machen.
Ruhiges Wasser, kühles Nass,
Gestreckter, weisser Körper,
Kopfüber tauche ein.
Hörst Du die Stimmen aus der Tiefe?
Nein.
Nur in den Träumen,
Rosa Kleid und grüne Hose, Kinderhand.
Schlaf weiter.
Alles nur ein Traum,
Irgendwann im Mai.
Und Morgen?
Du weisst es längst,
Ist wieder 18. April.
Was macht das schon?
Schweig weiter.
Du bist nicht schuld.
Diesen Kuß der ganzen Welt.
(c)Fabian Eder, München, im Mai 2015
Anmerkung:
Der Text bezieht sich auf die Ereignisse im April 2015, als die von der EU und vielen ihrer Mitgliedsstaaten verschlafene und negierte sogenannte „Flüchtlingskrise“ eskalierte. In der Folge kam es in manchen Ländern zuerst zu einer beispiellosen Solidaritätsbewegung, ehe sich die Abschottungspolitik von Viktor Orban und den Visjegard Staaten durchsetzte, weil diese alle Bemühungen der Europäischen Union verhinderten, eine humanitäre und humanistische Lösung der Herausforderung herbeizuführen. Das führte zu Alleingängen und manche Politiker nutzten dies zur persönlichen Profilierung als Hardliner, welche die Ängste und Sorgen der Bürger auf irrationale Art und Weise schürten. Die Konsequenz war eine große Verunsicherung, welche letzten Endes zum umstrittenen und knappen „Brexit“ Votum führte. 
Weiters nimmt der Text auf ein Bild Bezug, welches bereits einige Wochen vor „Aylan“ existierte, aber medial nicht zur Kenntnis genommen wurde, und das ein mit dem Kopf nach unten im Wasser treibendes, ungefähr 4 Jahre altes Mädchen zeigt. 
Der Startschuss für die totale Eskalation im April 2015 war jenes Boot, das mit zwischen acht- und neunhundert vor der Küste Libyen sank. Die wenigen Leichen, die damals geborgen wurden, wurden in Malta in einem Plastikzelt aufgebahrt. An den Trauerfeierlichkeiten nahmen nur Politiker aus der 2. Reihe teil, im Gegensatz zur Katastrophe von Lampedusa (Oktober 2013), wo Papst, EU Kommissionspräsident und EU Parlamentspräsident auf die italienische Insel reisten und lautstark „Nie wieder“ versprachen.
Das Wrack dieses Bootes wurde über ein Jahr später, im Juni 2016, von italienischen Behörden gehoben, die sich auch bemühten, die darin enthaltenen Leichen zu identifizieren und menschenwürdig zu bestatten. Das war freilich niemandem eine Meldung wert. (Fabian Eder – Juli 2016)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.