Nur eine wahre Geschichte

Ein Mädchen besucht die erste Klasse des Gymnasiums. Auf ihrem Weg durch die Innenstadt vernimmt sie Schreie aus dem Souterrain eines Hauses. Sie bleibt stehen. Menschen rufen um Hilfe. Erfolglos versucht sie Passanten aufzuhalten, bis sie endlich den Mantelzipfel einer feinen Dame erwischt. Aber auch diese reißt sich los und geht weiter, ohne das Mädchen eines Blickes zu würdigen.
Das Mädchen kommt zu spät, der Lehrer rügt sie. Andere erscheinen gar nicht zum Unterricht, nicht später, nicht morgen. Ihre Plätze bleiben frei.
Sie geht nach Hause. Die Tür zur Nachbarwohnung steht offen. Das Mädchen klopft. Keine Antwort. Sie betritt die Wohnung. Alles ist, als wäre gerade noch jemand da gewesen. Porzellantassen am Tisch, kalter Kaffee. Bilder, Möbel, Habseligkeiten, die zu einem Leben gehören, zurückgelassen, die oberste Lade der Kommode offen, eilig leergeräumt.
Die Wirtschaftskrise ist nicht überwunden, der Bürgerkrieg nicht lange vorüber. Die beste Freundin muss das Land verlassen. Das Versteck bei der Familie des Mädchens ist nicht mehr sicher. Lebe wohl, vor allem aber lebe. Sie schreiben Briefe. Unerwünschten Menschen zu helfen, ist Verrat.
Das Mädchen verharrt beim Anblick des Nachthimmels, rot von den Flammen der brennenden Häuser und schwarz von den Umrissen der Flugzeuge. Jemand zerrt sie in einen Keller voller Menschen. Das Morgengrauen vertreibt die Angst nicht. Und nicht den Hunger. Der Rauch verzieht sich. Kein Stein ist auf dem anderen geblieben. Das Mädchen steht vor den Trümmern des Theaters. Das Theater, denkt sie, ist ein Raum, durch den man dieser unerträglichen Wirklichkeit entkommen kann.
Die Geschichten aus fernen Zeiten und noch ferneren Ländern hören die Menschen gerne, lieber als die Geschichten aus dieser Zeit. Die Dichter dürfen wieder schreiben, mahnen, erinnern, enthüllen, verzaubern, verführen. Und wie viele Geschichten es gibt, aus wie vielen verschiedenen Ländern und unterschiedlichen Zeiten, und was sie alles erzählen! Diese Fülle, diese Farben, die Vielfalt, die weiten Horizonte, die kleinen Momente, die Herz und Verstand berühren. Das ist der Ort, an dem das Mädchen ihr Leben verbringt, jener Ort, an den jeder immer fliehen kann, weil er keine Grenzen hat: Heimat.
Die Wirtschaftskrise dauert an, manch einer spricht von einem nahen Bürgerkrieg, und mancherorts gilt als Verräter, wer anderen Menschen hilft.
Das Gesicht voller Falten, eine schöner als die andere, das Mädchen ist jetzt eine alte Frau und immer ein Mädchen geblieben.