Kunst macht Arbeit

Impulsreferat für Katharina Stemberger für Dürnstein

Guten Abend. 

Geben Sie’s zu: Sie fragen sich, was Ihnen eine Schauspielerin zum Thema Arbeit erzählen soll. Eine Schauspielerin! Na gut, Text lernen, das müssen Sie mir lassen. Und Purzelbäume machen auf der Bühne will auch geübt sein. Oder Fechten. Oder Reiten. – Klar, das könnte man auch als Freizeitangebot sehen – zumindest solange man dabei nicht auch noch hübsch anzusehen sein muss! 

Spaß beiseite. 

Ich nehme an, jeder von Ihnen weiß, dass künstlerisches Schaffen immer mit viel Arbeit verbunden ist, eine Arbeit, die wir vielleicht etwas anders definieren, als einen Job. Und die meisten von Ihnen werden Ihren eigenen Beruf wahrscheinlich gar nicht so unterschiedlich betreiben, wie ich den meinen. Mit Leidenschaft, Genauigkeit und Hingabe. 

Sie wissen längst, dass die Netrebkos, Hrdlickas, Artmanns, Hanekes und Bernhards, Van Goghs und Picassos die großen Ausnahmen sind. Lassen sie uns im Auge behalten, dass diese herausragenden Leistungen nur mit einer großen, soliden Basis möglich sind. Entwicklungen in der Kunst, höchst widersprüchliche Diskurse, Bewegungen und unvorhersehbare Dynamiken von großen Gruppen, ja Gesellschaften, aus denen schlußendlich das individuell geschaffene Werk hervorgeht.   

Künstlerisches Schaffen ist immer wieder und in vielen Facetten mit anderen Disziplinen vergleichbar. Am ehesten wohl mit der Forschung, denn der Künstler spürt immer in jene dunklen Ecken vor, die nicht berechenbar sind, die keiner Logik folgen, und sieht nach, was sich hinter unserer vermeintlichen Rationalität befindet. 

Kunst zu schaffen ist kein linearer Prozess. Und er ist von einem Wesensmerkmal gezeichnet: Dem Scheitern. Dem Willen, dem Mut und der Notwendigkeit zu scheitern.

Warum erzähle ich Ihnen das in diesem Zusammenhang?

Ich möchte Sie animieren, mit mir gemeinsam über Kunst heute nicht in der Betrachtung eines Werkes nachzudenken, sondern den Entstehungsprozess zu beleuchten. Möglicherweise können Sie daraus Rückschlüsse ziehen, die für Ihre Überlegungen und Diskussionen über die Zukunft der Arbeit hilfreich sind. 

Ihnen allen ist bekannt, dass Automatisierung und Digitalisierung viele Berufe, die heute zu unserem Alltag gehören, überflüssig machen werden. Die Menschen, deren Berufe davon betroffen sind, werden in Zukunft, also nach einer, wie ich fürchte schmerzhaften Übergangsphase, zusehends in den Bereich der Sozial- und Pflegeberufe, sowie in die Kreativbranche wandern. Noch ist nicht absehbar, wann Maschinen die Pflege von Kranken und oder Alten übernehmen können, und noch sind Maschinen nicht zu kreativen, oder gar ursächlich schöpferischen Prozessen fähig. 

Um eines der guten Ordnung halber klarzustellen: Ein »kreativer« Beruf, oder »Die Kreativbranche« haben nicht automatisch etwas mit künstlerischem Schaffen zu tun.

Was haben aber diese »Branchen«, sofern man »Kunst« überhaupt als Branche bezeichnen darf, gemeinsam? Die Prozesse, in denen die eigentliche Arbeit stattfindet, lassen sich zwar grob in Abschnitte aufteilen, sie sind aber nicht standardisierbar. Es gibt keine Schemata, die von 8 bis 5 abgearbeitet werden können. Sie können einem Mitarbeiter nicht sagen: Jetzt musst Du kreativ sein und um 3 habe ich die Idee am Tisch. Sie können einem Künstler nicht sagen: Mal mir bis morgen ein blaues Bild, und dann beleidigt sein, wenn sie drei Wochen später ein rotes Bild bekommen! Sie können einem Patienten nicht vorschreiben, seine Schmerzen zu gewissen Zeiten zu haben! 

Oder um bei meiner eigenen Berufsgruppe zu bleiben: Die Probenarbeit am Theater, der man ja einen durchaus standardisierten Ablauf nachsagen kann, ist letzten Endes das Zusammenführen verschiedener individueller künstlerischer Leistungen, die ja tatsächlich oft auch ganz wo anders und zu anderen Zeitpunkten stattfinden. 

Nicht nur in den bisweilen einsamen Entstehungsprozessen der bildenden Künste, auch in den Ensembleleistungen der darstellenden Künste ist es immer zuerst die Leistung des einzelnen, die in eine Gruppe, die Gesellschaft, eingebracht und dann angenommen, bewundert, abgelehnt, verpöhnt oder verstossen wird. 

Auch die Ablehnung eines Kunstwerkes ist ein Qualitätsmerkmal desselben, auch wenn das auf den ersten Blick paradox erscheint. Kunst ist deswegen so anarchistisch, weil sie nicht ergebnisorientiert ist – und es auch nicht sein darf.   Das stellt von der Entstehung bis zur Verwertung  einen krassen Widerspruch zu dem dar, wie unsere Welt heute funktioniert: Ergebnisorientiert und verwertbar. Aber Kunst wäre nicht Kunst, würde sie sich diesem Dogma nicht entgegenstellen! 

In einer Welt, in der standardisierte, also durchgeplante Arbeitsabläufe auf ein vorausberechnetes Ergebnis hinzielen, ist es vollkommen klar, dass diese Abläufe auf Grund unseres technologischen Fortschrittes von Maschinen übernommen werden. Und das ist ja um Gottes Willen auch nichts Schlechtes! Ganz im Gegenteil! 

Die Klasse der Arbeiterschaft und ihr – standardisierter – Kampf des 19. und 20. Jahrhunderts wandert damit aber endgültig in die Geschichtsbücher. Er hat in dieser Welt keine Funktion mehr. Eine Entwicklung, die ihren langen Schatten seit geraumer Zeit auf die klassischen Arbeitervolksparteien des letzen Jahrhunderts wirft, und von diesen Veränderungen erwartet, die zu liefern sie vielleicht gar nicht im Stande sein können. 

Der nicht standardisierbare Arbeitsablauf macht das Individuum unersetzbar. Nur Berufe, die individuelle, nicht planbare Entscheidungen erforderlich machen, werden dauerhafte Arbeitsplätze sein, wobei wir nicht dem Irrtum erliegen dürften, dass wir in Zukunft mit einem Beruf unser Leben gestalten werden können. Auf jeden Fall werden das aber Arbeitsplätze sein, die sich nicht oder nur höchst bedingt an Arbeitszeiten halten. 

Das kennen wir aus dem Kunstschaffen. Der Künstler kann mit aller Kraft auf den schöpferischen Moment hinarbeiten und wird diesen möglicherweise nie erreichen, oder er wacht plötzlich um zwei Uhr Nachts auf und tut, was er eben tun muss. 

Jeder von Ihnen hat wahrscheinlich noch die jüngste Diskussion über die Arbeitszeitflexibilisierung im Kopf. Keine Frage, gerade solche Berufswelten, wie ich sie gerade zu beschreiben versucht habe, brauchen extrem flexible Arbeitszeiten – auch mal 12 Stunden und vielleicht sogar mehr. Das steht, glaub ich außer Frage, und als jemand, der aus der mit solchen Arbeitswelten immer konfrontiert war, sage ich Ihnen: Warum auch nicht? Und ich glaube, dass die zuletzt geführte Diskussion diesbezüglich viel zu kurz greift. 

Die eigentliche Frage dabei ist, wie solche vollkommen flexiblen Arbeitszeiten mit unserem Leben vereinbar sind? Haben wir dann auch auf Abruf eine 14 Stunden Kinderbetreuung? Wie kann ich mein Leben mit meinem Partner abstimmen? Und was bedeutet meine »flexible« Arbeitszeit für das Leben der  Kinderbetreuer/in? – Nein, meine Damen und Herren, das sind keine persönlichen Probleme, sondern handfeste gesellschaftliche Schwierigkeiten, auf die wir mit Vollgas zusteuern. Wenn wir uns darauf nicht vorbereiten, wird es unsere Gesellschaft innerhalb von 2 Generationen nicht mehr geben. Wir werden uns selbst abgeschafft haben, weil wir einfach keine Kinder mehr bekommen können, weil wir aneinander vorbei leben. – Das wissen wir aus Studien, welche beispielsweise die soziale Lage der Künstler untersucht haben. 

Darum halte ich auch die Konzepte, wie sie meines Wissens nach durchaus erfolgreich in Skandinavien erprobt werden, für so interessant, weil der Umkehr des oben ausgeführten Denkansatzes ja auf der Hand liegt. Dort wird die »geregelte« Arbeitszeit auf 6 Stunden und weniger pro Tag drastisch reduziert. 

Soziologen und Arbeitsmarktforscher mögen das anders sehen, ich erkenne darin den Willen und die Möglichkeit, mehr Raum zu schaffen – für Leben, für Kreativität, für Inspiration. Und das, meine Damen und Herren, ist doch der Sinn der technologischen Entwicklung, der Automatisierung. Dass es jene schrecklichen Fabriken des 19. Jahrhunderts nicht mehr geben muss, in den Männer, Frauen und Kinder zwölf Stunden und mehr im Akkord stupide Tätigkeiten geschuftet haben. 

Liegen also die Antworten auf diese Herausforderungen tatsächlich in einer schrankenlosen Deregulierung? Ist die totale Flexibilisierung die Lösung für ein gesellschaftliches Regelwerk? Ist die Ausbildung von Spezialarbeitskräften in Fachhochschulen der richtige Weg? Oder sollten wir wieder mehr die Bildung in den Vordergrund rücken, das Interdisziplinäre, aus dem Kreativität entstehen kann, der Schaffensprozess, der Vorhandenes zerlegt und neu zusammensetzt, andere Perspektiven einzunehmen im Stande ist, beweglich ist? 

Sie mögen mich für eine Träumerin halten. Das sei Ihnen unbenommen. Aber wissen Sie, mit dem Träumen ist ähnlich, wie mit der Kunst. Niemand braucht Träume. Und dennoch können wir nicht ohne sie existieren. Als wäre da ein unsichtbares Band, das uns verbindet.

Die Menschen, wir alle, haben große Ängste vor den Umbrüchen, die auf uns zukommen. Das ist verständlich, aber die Angst ist ein schlechter Ratgeber.  Veränderung kann auch ein Chance sein. 

Ich bin letzten Endes »nur« eine Schauspielerin. Ich kann meine Phantasie verwenden, um Fragen zu stellen, beantworten müssen sie andere.

Was für eine Gesellschaft wollen wir? Welchen Stellenwert hat das Individuum, und welchen das Kollektiv? In welcher Welt wollen wir leben?

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Von Katharina Stemberger und Fabian Eder

Veröffentlicht in Rede

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