Heldenepos Friedenstext

Unentschuldbare Aggression. Der Krieg ist scheinbar an Europa herangerückt. Die Empörung der ersten Tage beginnt dem Alltag der Kriegsbilder zu weichen, die Hilflosigkeit droht in einen nicht hinterfragten Pragmatismus umzuschlagen. Entschlossenes Auftreten duldet kein Zögern, keine Fragen. Flüchtende gilt es zu versorgen, Hilfe zu leisten ist das Gebot der Stunde.

Näher sei die ukrainische Grenze zu Wien als Bregenz, und Kiew nur 1000km Luftlinie entfernt. 1000km liegen zwischen Rom von Tripolis, zwischen der Küste Lampedusas und jener Libyens nicht einmal 300km – einem direkten Nachbarstaat der Europäischen Union, der in Schutt und Asche liegt wie Aleppo, 360km von Nikosia, nur 160km misst die Distanz der Landmasse Zyperns zu Syrien. Auch Syrien ist ein direktes Nachbarland der EU, auch Syrien zerstört. Eine andere Kultur sei das, sagen manche, die Wiege unserer Kultur ist es in der zusammengerückten Welt von heute.

Über 40 Jahre ununterbrochener Krieg in Afghanistan, an die Fahrwerke der entschwebenden Flugzeuge der Befreier klammerten sich die Menschen. Zurück bleibt eine Ödnis ohne Zukunft. Zuerst waren es die Russen, die das Böse bekämpften, dann die Allianz der Willigen im Kampf gegen den Terror. Das Gute hat verloren, ein für allemal. Für die Frauen, wieder einmal die Opfer dieser heiligen Kriege für Freiheit und Demokratie, hat unser Land keinen Platz, um Ausreden nie verlegen, nasal und gelfrisiert jene, die uns nun die Welt, den Krieg erklären – ihre Welt, ihren Krieg.Ihre Erzählungen führen dazu, dass an der ukrainisch-polnischen Grenze Flüchtende abgewiesen werden, die die falsche Hautfarbe, den falschen Pass oder die falsche Religion haben. Doch jetzt ist Krieg, Entschlossenheit, zusammen stehen ist das Gebot der Stunde.

Vorgestern haben wir den Arabischen Frühling beklatscht, schon gestern jedes noch so fadenscheinige Argument willkommen geheissen, um das Ertrinken der Opfer dieser Kriege ignorieren zu können. Legitimiert, nasal und gelfrisiert. Fünfzigtausend Jahre Kulturgeschichte zeigen, dass Waffen Krieg bedeuten, mehr Waffen immer nur mehr Krieg bedeuten.

Wer sich auf den Krieg vorbereitet, will Krieg und nicht den Frieden. Frieden suchen, wo Krieg herrscht, ist ungleich schwieriger, und verlangt ungleich größeren Mut, als zu den Waffen zu greifen. Jetzt ist Krieg. Helden sterben und werden zu Märtyrern. Das macht sie nicht weniger tot, das gibt ihren Kindern nicht die Eltern zurück. Für Denkmäler taugen sie, je nachdem, wohin sich die Zeit gerade wendet und welchem Führer welches Volk folgt. Wenn das Volk folgt, werden Denkmäler wieder gestürzt.

Doch wen kümmert das, jetzt ist Krieg und auf der Suche nach dem ultimativen Bösen vergleicht der eine seinen Feind mit Hitler, der andere mit Stalin, alleine die Entschlossenheit zählt. Warum spricht niemand von Gandhi? Zeitenwende werden diese Tage genannt, aber nichts anderes wäre eine Wende der Zeit, als die Waffen auf schnellstem Weg zum Schweigen zu bringen. Das ist das Einzige, was den Menschen hilft. Jetzt.

FE, 7. März 2022