Griechenland wählt. Wurscht.

 GASTKOMMENTAR | FABIAN EDER, 17. Juni 2012, 17:46

Über das noch nicht erfundene „Wirtschaftskrisen-Lösungs-App“ und warum das „Griechen-Bashing“ eigentlich nur eine Ablenkung von unseren eigenen Problemen ist

Griechenland wählt und mir ist das wurscht.
Ein Land trifft eine demokratische Entscheidung. Wozu die ganze Aufregung? Hoffentlich wird die neue Regierung das Sparpaket mit der EU neu verhandeln, von dem alle Beteiligten wissen, dass es einfach nicht funktioniert. Ich halte das nicht nur für recht und billig, sondern für sehr notwendig, genauso, wie ich es für sehr richtig halte, die Parteien, die das ganze Schlamassel angerichtet haben, nicht mehr zu wählen. Damit hat Europa ein Problem? Ich mag Griechenland, die griechische Küche und die GriechInnen selbst, das will ich gar nicht abstreiten. Aber beim besten Willen ist das Problem, das uns alle so emotionalisiert und beschäftigt, kein griechisches. Wir befinden uns mitten in einem gesellschaftlichen Wandel, der viel fundamentaler ist, als wir das im Moment wahrhaben wollen und als es uns wohl auch lieb ist.

Wie sieht unsere Zukunft aus?
Schaffen wir es in einem politisch und gesellschaftlich vereinten Europa in Frieden zusammenzuleben? Schaffen wir einen gemeinsamen Markt, eine gemeinsame Wirtschaft, die ihrem Zweck entspricht und den Menschen dient – und nicht umgekehrt? Können wir in Städten leben, in denen alle Menschen Luft zum Atmen haben? Wollen wir Einkaufen können, ohne das Kleingedruckte lesen zu müssen? Kurzum: erlauben viele einigen wenigen sich skrupellos an ihnen zu bereichern? Strukturwandel betrifft nicht nur Griechenland Nein, ich bin kein Kommunist. Ich versuche nur andere Zusammenhänge in Erinnerung zu rufen, von denen mit diesem Bashing gegen die Griechen gern abgelenkt wird. Das Wirtschaftskrisen-Lösungs-App fürs Smartphone ist halt leider noch nicht erfunden und viele der notwendigen Veränderungen in Griechenland werden viel, viel mehr Zeit brauchen als nur wenige Wochen oder Monate. Ich glaube auch, dass viele der anstehenden Reformen völlig unabhängig von Geld sind und nach den Erfahrungen, die ich auf meiner Reise quer durch das Land gesammelt habe, befinden sich die Menschen schon mitten drin in diesem Strukturwandel, der uns in Mitteleuropa auch nicht erspart bleiben wird. Insofern ist Griechenland ein gutes Fallbeispiel. Ich plädiere also für etwas mehr Gelassenheit. Zahlen kann man so und so darstellen, man kann unglaubliche Horrorvisionen an die Wand malen oder Perspektiven suchen und erkennen. Unser Fokus wird im Moment ganz auf den griechischen Horror gelenkt. Dabei sind wir mit der Griechenland-Diskussion doch in Wahrheit mitten drin in der Frage, wie viel Macht und Entscheidungsbefugnisse die nationalen Regierungen in Europa haben sollen und dürfen und vor allem, welche ihre Kompetenzen sind. Ein auf nationaler Ebene gewählter Regierungschef muss sich um die Interessen seines Landes kümmern. Dafür wählen ihn die Menschen. Auf europäischer Ebene muss er also in erster Linie die nationalen Interessen im Auge haben und dann erst die europäischen.

Barrierefreiheit, nicht nur im Urlaub
Nicht nur die Märkte und die Banken, mittlerweile sind aber auch die jungen Menschen schon ganz woanders: sie beanspruchen ein barrierefreies Europa, in dem sie sich frei bewegen können und zwar nicht nur, wenn sie auf Urlaub fahren. Was haben da populistische Angstmacher à la Rosenkranz und Strache noch verloren, die nicht im einundzwanzigsten Jahrhundert angekommen, sondern in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts stecken geblieben sind? Trotzdem wird der FPÖ ein respektables Wahlergebnis prophezeit! Wir alle wissen, dass das zum Großteil Protestwähler sind, denn diese Partei hat ja bereits „nachhaltig“ bewiesen, dass sie nicht regierungsfähig ist und sobald sie an der Macht ist, die Republik als Selbstbedienungsladen missbraucht. Dafür brauchen wir keine griechischen Strukturen, das können wir auch! Ich bin ein ganzes Monat lang für eine Dokumentation durch Griechenland gereist und war erst das zweite Mal in meinem Leben dort. Mich hat die vorbehaltlose Gastfreundschaft, diese Fremdenfreundlichkeit, die wir bei uns in der Form nicht kennen, schwer beeindruckt. Ich habe gesehen, dass das Land aus so vielen, unterschiedlichen Regionen besteht, die so unterschiedliche Bedürfnisse und Anforderungen haben!

Vielfalt ist ein Reichtum
Die Erkenntnis, dass die Hälfte der Bevölkerung in Athen lebt, ist für mich trauriges Zeichen einer absurden Entwicklung. Dabei ist die Vielfalt des Landes ein unglaublicher Reichtum, so wie die Unterschiedlichkeit der Nationen und Mentalitäten der große Reichtum Europas ist. Griechenland hat so viel Potenzial, gerade was beispielsweise alternative Energien angeht oder Agrotourismus, um nur zwei Aspekte zu nennen. Und die Tatsache, dass Griechenland keine Industrienation ist, birgt eine enorme wirtschaftliche Chance. Wer verstellt uns den Blick auf diese Chance? Und der gesellschaftliche Wandel, zu dem die Griechen gezwungen werden, egal, was jetzt noch alles passiert – ist das nicht auch eine enorme Chance? Apropos Chance: Griechenlands Krise könnte die große Stunde des Europäischen Parlaments werden, wenn wir alle das wollen. Die Wahl hat Europa.  Was Griechenland wählt, ist wurscht.