Die Filmbranche als mahnendes Beispiel

Alle diskutieren den 12-Stunden-Tag – wir kennen ihn.

Film ist ohne flexible Arbeitszeit nicht möglich. Wer zum Film geht, entscheidet sich für Flexibilität. Die meisten von uns wollen auf diese Flexibilität nicht verzichten, sie wollen aber auch nicht dafür bestraft werden. In unserer Branche wurden in den vergangenen Jahrzehnten gravierende Fehler gemacht, nicht absichtlich, sondern aus Mangel an Erfahrung, vielleicht auch aus Leichtsinn. Fehler, die nicht wiederholt werden müssen.

1.Die Ausnahme wird die Regel

Anfang der 1980er Jahre haben die Sozialpartner Regeln für flexible Arbeitszeiten im Kollektivvertrag für Filmschaffende festgeschrieben. Neben der 40-Stunden-Woche (5 x 8 Stunden) kann eine 60-Stunden-Woche angesetzt werden (von Freiwilligkeit keine Rede), in der die Arbeitszeit vom Produzenten zwischen Montag und Samstag in 5 x 12 oder 6 x 10 Stunden aufgeteilt werden kann. Was als Ausnahme gedacht war, wurde zur Regel. Dass bei dieser 60-Stunden-Woche die 41. bis zur 60. Arbeitsstunde um rund 25 Prozent geringer bezahlt wird als die ersten 40 Stunden, ist absonderlich. In einem harten internationalen Wettbewerb kann es sich aber längst kein Produzent mehr leisten, verbilligte Arbeitszeit herzuschenken. Zu glauben, dass ein Arbeitnehmer in koordinierten Herstellungsprozessen frei über seine Arbeitszeit entscheiden könne, ist, mit Verlaub, kindisch.

2.Heute arbeiten, morgen frei, ein Irrtum

Dauerhaft kann kein Unternehmer einen Angestellten zwei Wochen lang bezahlen (und versichern), wenn dieser nur eine Woche arbeitet. Die zur Regel gewordene 60-Stunden-Woche hat eine deutliche Verkürzung der Produktionszeiträume bewirkt. Was früher in 30 bis 36 Tagen gedreht wurde, wird heute in 20 bis 22 Tagen erledigt. Dass die reale Arbeitszeit auch einmal bei 80 Stunden pro Woche liegt, kümmert mittlerweile keinen. Die gesundheitlichen Auswirkungen haben wir dabei noch gar nicht erhoben – viele Kollegen bei Serienproduktionen arbeiten sieben Monate und mehr am Stück unter diesen Bedingungen.

3.Arbeitszeit ist nicht Versicherungszeit

Ansprüche, insbesondere für Pensions- und Arbeitslosenversicherung, generieren sich aus Versicherungszeiten, allerdings wird der Versicherungszeitraum nicht in Stunden berechnet, sondern in Tagen. Ein 12-Stunden-Tag zählt in der Sozialversicherung gleich viel wie ein 8-Stunden-Tag. Erst heute erkennen wir das Problem der Altersarmut, weil viele nicht ausreichend lange Versicherungszeiten erwerben konnten. Die kolportierten Änderungsvorhaben der Regierung bei Arbeitslosengeld und Notstandshilfe wären die Quadratur des Übels – was bei rund 5000 Filmschaffenden nicht ins Gewicht fällt, aber wenn das in einigen Jahren auf hunderttausende Arbeitnehmer zutrifft, stehen unsere Kinder vor einem gewaltigen Problem.

4.Qualifikation ist gut, aber sie allein schützt nicht

Laut der 2016 durchgeführten „Studie zur sozialen Lage der Filmschaffenden“ ist die Qualifikation unserer Arbeitnehmer extrem hoch, gleichzeitig ist die Armutsgefährdung viermal so hoch wie beim Durchschnitt der Bevölkerung, obwohl die meisten mehr als einen Beruf ausüben, um ihr Auslangen zu finden. Die Digitalisierung wird noch mehr Arbeitnehmer in die Kreativwirtschaft drängen, deren Realität bereits heute ist: mehrere Berufe, flexibelste Anstellungs- und Arbeitsverhältnisse, kombiniert mit selbständigen Tätigkeiten. Darauf ist unser Sozialversicherungssystem nicht vorbereitet.

5.Mehr Arbeit, weniger Sex

75 Prozent aller Filmschaffenden leben in Haushalten ohne Kinder. Die Studie zitiert eine Kollegin: „Bei 12 Stunden Arbeitszeit sind Kinder undenkbar! Sollten wir es je in Erwägung ziehen, Kinder zu bekommen, müssen wir uns einen anderen Job suchen.“ Wer 12 Stunden arbeitet, braucht mindestens 13, wenn nicht 14 Stunden Kinderbetreuung. Mangels Angebot müssen die Betroffenen die Kinderbetreuung selbst bezahlen. Das kostet deutlich mehr, als sie durch die Mehrarbeit dazuverdienen können. Ist man aber einmal in dieser Zwickmühle flexibilisierter Arbeit, wird die viel zitierte Freiwilligkeit zu blankem Hohn und die Möglichkeit der individuellen Freizeitgestaltung als Trugbild enttarnt – nur leider zu spät.

6. Arbeitszeit ist Lebenszeit

Viele Frauen nehmen von Filmberufen Abstand; Frauen, die uns künstlerisch und inhaltlich dringend fehlen. Ein normales Sozial- oder gar Familienleben ist bei uns nicht möglich. Damit kommen Männer in unserer Gesellschaft deutlich leichter zurecht. Heute versuchen wir mit finanziellen Anreizen und sogar Zwängen, den Frauenanteil von 32 auf 50 Prozent zu heben. Ohne Änderungen bei Arbeitszeit, Versicherung und Kinderbetreuung wird das wenig bewirken, und schon gar nicht für eine gleiche Bezahlung bei gleicher Arbeit sorgen. 63 Prozent der filmschaffenden Frauen leben alleine. Noch Fragen?

Die Politik muss nicht unsere Arbeitszeit flexibilisieren, das geschieht von allein. Sie muss vielmehr die Voraussetzungen schaffen, dass unsere Lebenszeit mit diesen Anforderungen kompatibel ist. Und davon kann keine Rede sein.

Erschienen in der Wiener Zeitung am 7.9.2018

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.