Das Psychodrama

Die unstrittige Täterschaft zwingt Deutschland zu einer schmerzhaften Aufarbeitung, aus der eine neue Verfassung, das Grundgesetz, hervorgeht. Im Gegensatz dazu greift Österreich auf die maßgeblich von Hans Kelsen gestaltete Verfassung von 1919 zurück – nicht zuletzt, um der Moskauer Deklaration, die den Anschluss und alle damit verbundenen Gesetze für null und nichtig erklärte, Genüge zu tun. Mit der Unterzeichnung des Staatsvertrags 1955 wird diese Verfassung 36 Jahre nach ihrer Verschriftlichung zum Fundament der Zweiten Republik. Ihre Qualität muss sie gerade in jüngsten Jahren immer wieder unter Beweis stellen und diese kann nicht genug hervorgehoben werden.

Karl Renner, der schon vor dem Krieg antisemitisch eingestellt war, versucht bereits 1945 zu verhindern, dass geflüchtete oder deportierte Juden zurückkehren. So gut wie jeder jüdische Holocaust-Überlebende weiß dieselbe Geschichte seiner Rückkehr nach Wien zu erzählen, in der es immer ein »ehemaliger« Nazi ist, der seine Wohnung in Besitz genommen hat. Diese Geschichten sind Parabeln zu Restitutionsverfahren, von denen die meisten erst lange nach Kriegsende beginnen.

Gleichzeitig hat Österreich aber noch ein anderes Problem: Die österreichische Bevölkerung besteht nahezu zur Gänze aus Tätern. Jeder war Zeuge, viele hatten an Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes direkt oder indirekt mitgewirkt, fast alle waren vom Nationalsozialismus überzeugt gewesen. Drei Generationen von Männern, die zwei Weltkriege hintereinander verloren und sich am größten Massenmord der Geschichte mitschuldig gemacht hatten, kommen ausgezehrt und halb verhungert aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Wie soll man mit solchen Männern einen Staat machen? Eine »Entnazifizierung« dient formal als Schlussstrich. Eine nachhaltige Veränderung kann diese Oberflächlichkeit jedoch nicht einleiten. Vor Kurzem noch glühende Nationalsozialisten werden jetzt wieder Richter, Lehrer, Polizisten, Mediziner und Politiker, Personen also, die den Staat tragen und die Gesellschaft prägen. Der psychische Zustand der Täter wird durch die Reinwaschung allerdings nicht angesprochen. Die Qualen der eigenen Fehler und die Albträume der von ihnen verübten Gräueltaten verfolgen sie und führen zu einer immer härteren Verknöcherung, die jedes Mal aufs Neue mit der Einbettung der Umdeutung von Fakten in die Erzählungen übertüncht wird. So bleibt der Antisemitismus integraler Bestandteil der Gesellschaft, obwohl es nach ihrer industriellen Ermordung kaum noch Juden gibt. Die Tatsache, dass es zu jedem Ermordeten einen Mörder gibt, steht der These, Österreich – und der Begriff impliziert natürlich seine Bevölkerung – sei selbst nur Opfer gewesen, schmerzhaft im Weg.

Kriegerdenkmäler werden errichtet statt Gedenkstätten für die Ermordeten. Helden des Nationalsozialismus erhalten Ehrengräber, wie etwa der Kampfpilot Walter Nowotny, dessen Grab bis heute eine Pilgerstätte für Rechtsradikale ist. Der Antisemitismus feiert aber nicht nur auf Friedhöfen sein Fortbestehen. Die alltägliche Sprache bis hin zu Witzen ist von Judenhass und einer andauernden rassistischen Herabwürdigung durchtränkt. Die Geschichtserzählung innerhalb der Täter- und Mitläuferfamilien ist von der Verklärung über das Verschweigen und Umdichten der Wahrheit bis zur Dissoziation bestimmt.

Gerne erzählt man sich die Geschichte, dass nach Kriegsende der VdU – Verband der Unabhängigen – als Sammelbecken für Nationalsozialisten – oder wie es nun verharmlosend heißt: »Ehemalige« oder »Minderbelastete« – diente. Politisch werden die Stimmen dieser Ehemaligen gebraucht, während die Juden nach ihrer Vernichtung kein Wählerpotenzial mehr darstellen.

Nicht oft wird hingegen erzählt, dass der Juliputschist und Nationalsozialist Reinhold Huber drei Wochen nach Unterzeichnung des Staatsvertrages die »Kärntner Freiheitspartei« gründet, aus welcher wenig später die Freiheitliche Partei Österreichs, die »FPÖ«, hervorgeht. Nach heutigen Maßstäben müsste man Huber als Terrorist bezeichnen, im vor sich schweigenden Trotz der Nachkriegszeit wirkt er aber bis Mitte der 1960er-Jahre als Landesparteiobmann der Kärntner FPÖ in der Öffentlichkeit. Die Nationalsozialisten hatten den VdU offenkundig nur als Versteck verwendet, bis Österreich als eigenständige Nation wiederhergestellt ist. Die FPÖ wird bis 1978 ausschließlich von vormals ranghohen Nationalsozialisten geführt, die allein aufgrund ihrer Dienstgrade ohne Zweifel an der Verfolgung und Vernichtung von Juden direkt oder indirekt, aber jedenfalls beteiligt waren.

Im »Fall Borodajkewycz« ist es ein Hochschulprofessor, der sich Ende der 1950er-Jahre offen und im Rahmen seiner Vorlesungen zum Nationalsozialismus bekennt. Den Tag des Anschlusses bezeichnet er als einen der drei »schönsten Tage« seines Lebens. Dieses offene Bekenntnis ermutigt die Ehemaligen und bereits Anhänger der zweiten Generation aus dem Dunkel zu treten. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung findet wieder auf der Straße statt, bei der Straßenbahner Ernst Kirchweger getötet wird. Gelöst wird der Konflikt durch die Zwangspensionierung von Taras Borodajkewycz – bei vollen Bezügen.

Vielen ranghohen österreichischen KZ-Tätern wird in Österreich zwar der Prozess gemacht, teilweise mit Jahrzehnten Verspätung, es kommt aber zu keiner einzigen Verurteilung. Es handelt sich dabei ausschließlich um Geschworenenprozesse. Simon Wiesenthal, der die Shoah überlebt hat, macht in seinen Recherchen schmerzhaft sichtbar, dass vermeintlich ehemalige Nationalsozialisten nicht nur in den beiden großen Volksparteien Schutz gefunden haben, einige schaffen es ohne Schwierigkeiten in Regierungsämter. In der Kreisky-Wiesenthal-Affäre wird das Dilemma der verabsäumten Aufarbeitung auf höchster Ebene abgehandelt. Wiesenthal wird öffentlich diffamiert.

Erst rund 20 Jahre später leitet die SPÖ unter Franz Vranitzky die Aufarbeitung der Parteivergangenheit im Umgang mit Nationalsozialisten nach dem Krieg ein.

Unter anderen politischen Vorzeichen erhält Jörg Haider, der 1950 geboren einer der ersten Politiker der zweiten Generation ist, trotz seiner den Nationalsozialismus verherrlichenden Äußerungen, ja selbst nach den unverhohlen antisemitischen Attacken auf den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde und den Präsidenten des Verfassungsgerichtshofs im Jahr 2004 das „Große Silberne Ehrenzeichen am Bande für Verdienste um die Republik Österreich“.

Im Opferland Österreich scheitert die FPÖ zwar immer wieder an Korruptionsaffären, nie aber an ihrer Verbindung mit rechtsradikalen deutschnationalen Burschenschaften und ihrer damit verbundenen pathologischen nationalsozialistischen Prägung. Trotz und leider auch wegen des ihr innewohnenden Antisemitismus gewinnt sie heute wieder bis zu rund 25% der Wählerstimmen und bleibt ein von allen Parteien umworbener Partner.

Ein Gedanke zu „Das Psychodrama

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