Die Seele des Films

Das Paradoxon des Moments

Film ist Zeit.

Film ist nichts anderes, als das Zerlegen einer Zeitspanne in eine gewisse Anzahl von Bildern, regelmäßig verteilt, genau definiert. 24 Bilder für 1 Sekunde. 24 mal 1/48 Sekunde lang Licht durch ein Brennglas auf dem Film projizieren, 24 mal pro Sekunde den Film um ein Bild vorwärts transportieren.

Das ist Film.

Die Digitalisierung hat dem Film nicht sein Wesen genommen: Das Messen von Zeit, im Gegensatz zu einer Uhr nicht nur das Vergehen von Zeit, sondern darüber hinaus die Veränderung darzustellen, die in dieser Zeit stattfindet, das ist die Seele des Films.

Zeit ist die Seele des Films.

Zeit ist, was den Film von allen anderen Kunstformen unterscheidet. Ein Foto zeigt einen Moment für die Ewigkeit.

Der Film hingegen zeigt, was in dieser Zeit passiert, für die Ewigkeit.

Das ist Information. Zuerst ist es nichts anderes, als eine Mitteilung ohne Wertung.

Die Erzählung findet in unserem Kopf statt, in dem Moment, in dem der Film transportiert wird, in dem Moment, in dem streng genommen gar kein Bild zu sehen ist, und doch zu sehen ist, wegen der Trägheit unseres Gehirns.

Doch ist das wirklich nur die Trägheit unseres Gehirns, die uns Informationen in Geschichten umzuwandeln lässt? Oder ist es vielleicht unsere Fähigkeit zu interpretieren, zu partizipieren, und genauso umgekehrt zu inszenieren?

Film ist Poesie.

Der Augenblick ist jener Moment, in dem ich bin. Das ist die Existenz. In diesem Augenblick beziehe ich mit meiner Kamera einen Standpunkt. Es ist jener Ort von dem aus ich in diesem Augenblick die Welt betrachte. Von diesem Ort, werde ich in der Zukunft erzählen, habe ich in der Vergangenheit die Welt betrachtet. Dieser Standpunkt ist niemals objektiv, und er soll und darf es auch nicht sein, denn er ist in dem Moment, in dem ich den Film durch die Kamera laufen lasse, bereits Erinnerung.

Von diesem Standpunkt aus habe ich die Welt über einen gewissen Zeitraum hinweg betrachtet, und es war mir gestattet, diesen Zeitraum zu dehnen oder ihn zu verkürzen, ganz wie es mir beliebte. Ich habe diesen Zeitraum unterbrechen, den Standpunkt wechseln und eine fortlaufende Erzählung neu entstehen lassen dürfen, eine neue Zeit, einen neuen Ort, einen neuen Raum geschaffen. Der Inhalt eines Bildes definiert sich durch das, was nicht zu sehen ist. Das ist das Wesen des Ausschnitts. Der Betrachter erkennt in einem Bild aber das, was in diesem Ausschnitt nicht gezeigt wird. Das ist Poesie.

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