Anmerkung zum Historikerbericht der FPÖ

Die FPÖ hat ihren lange angekündigten Historikerbericht am 23. Dezember 2019 veröffentlicht und damit dem Land keinen guten Dienst erwiesen. Eine Bewertung,

Eine wissenschaftliche Beurteilung steht mir nicht zu, das obliegt anderen – ich bin kein Geschichtswissenschaftler. Aber ich nehme mir das Recht, mich aus der Sicht eines Filmemachers zu äußern, der sich die letzten Jahre – und wie es aussieht auch noch die kommenden 2 Jahre – mit dem Thema Nationalsozialismus, Holocaust und deren politischen wie privaten Folgen am Beispiel Österreichs auseinandersetzt (-> Talk to Me).

Ich habe den Bericht in Auszügen gelesen und will mich bemühen, ohne politische Zynik dazu Stellung zu beziehen, was, weiß Gott, schwer fällt. Vorweg möchte ich aber betonen, dass es verschiedene Opfergruppen des nationalsozialistischen Terrorregimes gibt – Juden, Roma und Sinti, Behinderte, Widerstandskämpfer, Homosexuelle und viele mehr. Bei allem tiefen Respekt vor all diesen Opfern muss man aber unmissverständlich feststellen: Die erste Opfergruppe des Nationalsozialismus waren die jüdischen Bürger in Österreich und Deutschland und in der Folge die jüdischen Bürger Europas. 

Die Geschichte der Ereignisse zwischen 1938 und 45 sind ein traumatisches Erlebnis für Österreich als Nation und auf unterschiedliche Arten für seine verschiedenen Bevölkerungsschichten. Eine Traumatisierung unterscheidet nicht zwangsläufig zwischen Opfer und Täter. 

Grundsätzlich werden die Geschichtsbetrachtung und die Aufarbeitungsversuche in Österreich auf die Ereignisse zwischen 38 und 45 konzentriert, manchmal wird noch 1934 einbezogen. Das hat mit Sicherheit mit den Überlebenden, der Generation von Historikern und der innenpolitischen Strahlkraft zu tun. Dieser Zugang wird aber, fürchte ich, dem Thema, weder generell noch aus Sicht der FPÖ als, wie sie sich selbst bezeichnet „Partei des Dritten Lagers“, gerecht. 

Der Geschichtsunterricht und die Geschichtsschreibung unterscheiden zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg schon in der Nummerierung. Und das mag aus einer globalen Sicht auch durchaus zutreffend sein, aus einer österreichischen Sicht, aus der Perspektive unseres Landes und unseres Traumas, an dem wir bis heute leiden, ist diese Betrachtung sicher nicht ausreichend. Vielmehr müssen wir die beiden Kriege, die Österreich und Deutschland innerhalb von 3 Jahrzehnten verloren haben (!), als eine große Entwicklung. 

Im Gegensatz zu Deutschland verwandelte sich Österreich in dieser vergleichsweise kurzen Zeit von einer Weltmacht zu einem Zwergenstaat. Da täuschen weder Franz Klammer noch Niki Lauda darüber hinweg: Österreich war die europäische Verlierernation schlechthin des 20 Jahrhunderts. 

1918 – und das ist der Punkt, auf den ich hinaus will – will sich jenes Fragment Österreichs, das vom weltbestimmenden Vielvölkerstaat übrig bleibt, an Deutschland anschießen. Das ist 1918 politischer Konsens in Österreich – quer über alle Parteigrenzen! Dieser Wunsch wird von den Siegermächten des 1. WK aus gutem Grund unterbunden. Erst mit der Machtergreifung Hitlers beginnt sich der innenpolitische Konsens, sich mit Deutschland vereinigen zu wollen, zu verändern und es sind mWn zuerst Kommunisten und Sozialdemokraten, die dies mehr und mehr infrage stellen. 

Das Bemerkenswerte dabei ist, dass das, was wir heute als „Machtergreifung“ bezeichnen, ein demokratisch legitimierter Vorgang war – Hitler wurde gewählt und errang seine Macht demokratisch legitimiert, und er tat nichts anders, als das, was bereits 1920 im Parteiprogramm der Nationalsozialisten festgehalten wurde. Es war also jedem bewusst – oder sollte ich sagen: es hätte also jedem Demokraten bewusst sein müssen? – wen und was er da wählt.

Natürlich steht es außer Zweifel, dass auch die Regierung der österreichischen Ständestaat – Diktatur (oder wie immer man das nennen will oder darf) natürlich ihr souveränes Gebiet behaupten wollte – darauf begründet sich ja ihre Macht -, obwohl sie das in der Person Schuschniggs natürlich nurmehr halbherzig tat – aber auch das war mAn weniger eine reine Partei- oder Ideologiefrage, es fehlte vielmehr schlichtweg der Rückhalt in der Bevölkerung, die – noch immer oder vielleicht sogar schon wieder mehr denn je – eine Vereinigung mit dem Deutschen Reich wollte.

In Europa – und das sollten wir immer sorgsam in Erinnerung behalten – war es ja nicht so, dass Hitler aus dem Nichts an die Macht gekommen war und plötzlich dastand – so hat sich beispielsweise Ungarn in der Zwischenkriegszeit genauso wie Italien und eben auch Österreich nach und nach zu einem autoritär geführten rechtskonservativen Staat entwickelt. Das war eine Tendenz, die überall in Europa zu sehen war, und auch in Großbritannien gab es ja durchaus signifikante Gruppierungen unter den Konservativen, die – in einem durchaus auch antisemitischen und nationalsozialistischen Sinne – Pro-Hitler eingestellt waren, die spätere antifaschistische Haltung des UK war also auch keine „g’mahte Wies’n“. 

Bei der Beurteilung der heutigen politischen Tendenzen, die in Europa ihre Kräfte entwickeln, sollten wir diese geschichtlichen Entwicklungen in ihrer Wirkungsweise vielleicht doch etwas stärker berücksichtigen.

Der Historikerbericht beginnt also mit dem März 1938, als Österreich Teil der Deutschen Nation wird. Der Bericht beruft sich dabei auf niemand geringeren als Winston Churchill, der in einer Rede „Österreich als das erste Opfer der Nazi Aggression“ bezeichnet. Der Bericht insinuiert aber leider damit wieder einen Opferstatus der österreichischen Nation, den so nicht gab. Churchill bezieht sich in seiner Rede klar auf die Nazi-Aggression im militärischen Sinne, und nicht auf die Opfer des Nationalsozialismus im ideologischen Sinne. Das ist ein großer Unterschied. 

Und wir als Österreicher müssen uns schon auch die Frage stellen: Was wäre geschehen, wenn wir uns wirklich mit allen uns zur Verfügung stehenden militärischen Mitteln dem Einmarsch widersetzt hätten, so aussichtslos dieser Kampf auch gewesen wäre? Ich habe berufsbedingt das umfassende Bildmaterial, das es dazu weltweit gibt, eingehend studiert, und weiß mit Sicherheit zu sagen, dass die Widerstandslosigkeit sicher nicht aus der Überlegung entstanden war, sinnlose Opfer zu vermeiden, sondern nur aus dem fanatischen Willen der Bevölkerung, man möchte fast sagen jedes einzelnen, sich endlich mit dem großen Deutschen Reich zu vereinen. Der Verlauf der Geschichte wäre wohl deutlich anders gewesen und hätte die anderen Nationen Europas bereits früher zu einem entschiedeneren Handeln gezwungen und so – möglicherweise – den Holocaust in seinem zumindest schlußendlichen Ausmaß verhindert, wenn sich die Österreicher gegen den Nationalsozialismus zur Wehr setzten hätten wollen. Dass das nicht passierte, war in erster Linie Folge des Deutschnationalismus, der in der österreichischen Bevölkerung zu diesem Zeitpunkt tief verankert war.

Wenn wir uns die Beschreibungen des Anschlusses und der Vorgänge vor allem in Wien im März 38 ansehen – Zuckmayer beispielsweise – dann zeichnet sich ein Bild des fanatischen Rassismus und Antisemitismus, eines regelrechten Judenhasses, der sein Selbstverständnis aus dem Wahn bezieht, als Deutsche Rasse „übergeordnet“ zu sein und den Juden die Schuld an so ziemlich allem – vom Tod Jesu bis zur Wirtschaftskrise 1929 – geben zu können. Man fand in den Juden das, was jedes faschistische Regime zum Leben braucht: Das perfekte Feindbild, dessen Vernichtung auch noch gewinnbringend sein sollte und zudem einem irrwitzig krusen mythologischen Wahn folgte – also all jene Eigenschaften vollinhaltlich besaß, die wir auch Terrororganisationen wie dem Islamischen Staat oder der Al Quaida heute zuschreiben. Nur eben demokratisch legitimiert, von der Mehrheit der Bevölkerung gewählt – letztlich auch in Österreich. 

Der Deutschnationalismus und der Antisemitismus sind eng miteinander verschränkt und ich denke, es ist keineswegs übertrieben, zu sagen, dass sie einander sogar bedingen und die Überschneidungen reichen bis weit vor 1848. Der Antisemitismus in Europa ist freilich noch viel älter und zweifelsohne eine Folge der „gottestaatlichen“ Strukturen, die wir in Europa seit dem frühen Mittelalter hatten. Das hat sich heute Gottseidank in der Folge eines langen und vor allem für die Juden schmerzhaften Prozesses weitgehend geändert. Der Konsens in den europäischen Glaubensgemeinschaften ist ein antifaschistischer und einer, der sich – zumindest grundsätzlich und weitgehend – gegen Diskriminierung richtet. Wir sehen aber auch, dass der Konsens, den Antisemitismus aus unseren Gesellschaften restlos zu verbannen, jeden Tag aufs Neue behauptet und verteidigt werden muss – zu stark sind diese althergebrachten Verblendungen bis heute – und es wird noch lange dauern, bis wir diese überwunden haben werden. Gelingen wird das nur mit Entschloßenheit. Einer Entschloßenheit, die dem Historikerbericht der FPÖ leider fehlt. 

Einen Monat nach der Unterzeichnung des Staatsvertrages gründet sich die FPÖ aus dem VdU – und zwar durch(ehemalige) Nationalsozialisten und SS – Angehörige, also Teile jener Elite, die für die technische Umsetzung der Vernichtung von 6 Millionen Juden verantwortlich ist – also der Mörder, an deren Händen das Blut klebt – und manifestiert sich als deutschnational gesinnte Partei. Damit wird der Bogen zwischen Deutschnationalismus und Antisemitismus neuerlich geschlossen, und es ist nicht verwunderlich, sondern vielmehr beabsichtigt, dass die deutschnationalen schlagenden Burschenschaften diese Partei als ihre ideologische Heimat erkennen. 

Das alles passiert – und darauf muss man verweisen – genau ein Monat, nachdem die 2. Republik in „trockenen Tüchern“ ist, und man offenbar der Meinung ist, sich nun als ehemalige Protagonisten der nationalsozialistischen Ideologie in Österreich wieder ungestraft aus Deckung wagen zu können. Zurecht, wie uns die leidvolle Nachkriegsgeschichte bis heute lehrt.

Das Fundament für den Nationalsozialismus und den Holocaust war der Deutschnationalismus. Ein Umstand, der generell viel zu selten zum Ausdruck gebracht wird, aber in dem Bericht der Historikerkommission vollständig fehlt und wohl auch erklärt, warum die Rolle der Burschenschaften vollkommen darin außen vor gelassen wird. Dieser Umstand beweist meiner Meinung nach, dass es sich bei diesem Bericht um eine Propagandaschrift der Extraklasse handelt. 
Für besonders bemerkenswert und diskussionswürdig halte ich es aber, dass sich Akademiker in den Dienst dieser Sache stellen – wie Brauneder oder Höbelt – und argumentative Kapriolen schlagen, um historische Ereignisse für eine aktuelle innenpolitische Debatte propagandistisch zu nutzen, anstatt die Hintergründe zu erforschen und zu benennen, um sich von jenem Übel endlich lösen zu können, das die 2. Republik bis heute in einem festen und – wie ich meine – nahezu tödlichen Würgegriff hält. Darüber täuschen auch die vielen Erfolge und Errungenschaften unseres Landes und unserer Gesellschaft nicht hinweg. 

Und ebenfalls sollten wir uns gewähr sein, dass auch der Nationalsozialismus und der Holocaust von den deutschnationalen akademischen Eliten vollinhaltlich mitgetragen wurde – also nichts war, wozu der „kleine Mann“ von einem einzelnen kleinen Mann mit Schnauzer tückisch verführt wurde. 

Andere Parteien haben sich der Aufarbeitung des Nationalsozialismus doch deutlich konsistenter gestellt, das steht ausser Zweifel. Es wäre an der Zeit gewesen, dass die Fpö mit ihrer Aufarbeitung jenes fehlende Stück ins Puzzle legt, das die parteipolitische Aufarbeitung zusammenführt und es so möglich macht, dem Antisemitismus nachhaltig und dauerhaft entgegen zu treten. Vor dem inhaltlichen und personellen Fundament der Partei bleiben es leere Worthülsen ihres Exparteiobmanns und Vizekanzlers: den Deutschnationalen Burschenschaften. Und die Enthüllung des Trümmerfrauendenkmals unweit jenes Ortes, wo sich die nationalsozialistische Schaltzentrale befand, ist nur ein weiteres Zeugnis tiefgreifender geschichtlicher Verwirrtheit oder absichtlichen Revisionismus.

Die Historikerkommission hat somit die Chance vertan, uns einen Schritt vorwärts zu bringen und endlich ungehindert zu einer gelebten Verantwortung für die Zukunft zu gelangen. Auf der anderen Seite hat die Historikerkommission aber etwas zustande gebracht, was vielleicht auch positiv zu bewerten ist, wenn auch nicht auf einer wissenschaftlichen Ebene: Sie hat eindeutig manifestiert, dass die FPÖ auch 81 Jahre nach dem Anschluss nicht willens ist, repräsentativ jenen Teil der Verantwortung für den Holocaust zu übernehmen, der ihrer Wählerschicht entspricht. 

Der Wähler kann das aber bei seiner Entscheidung an der Wahlurne nur berücksichtigen, wenn die liberalen und antiautoritären Kräfte der Demokratie geschlossen und unermüdlich darauf hinweisen. Tun sie das nicht: -> siehe Deutschland, 1933.